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Strukturwandel im Ruhrgebiet – Schicht im Schacht und jetzt?

27. März 2019 Tim van Olphen Keine Kommentare

Das Ruhrgebiet hat sich vom Bergbau verabschiedet. Drei Städte an der Ruhr zeigen, dass jedes Ende auch ein neuer Anfang ist. Freigewordene Zechengelände werden neu genutzt und avancieren zu Besucherattraktionen. 

von Pia Seitler und Tim van Olphen

Luftbild der Kokerei Zollverein (© Jochen Tack / Stiftung Zollverein)

Schwarzverstaubte Männergesichter, Fördertürme aus altem Gusseisen, ein rauchender Schornstein, der in den Himmel ragt: Dieses Bild vom Ruhrgebiet stimmt schon lange nicht mehr. Und das nicht erst seitdem mit Prosper-Haniel in Bottrop im Dezember 2018 die letzte von einstmals 157 Zechen schließen musste. Die Kohle war das schwarze Gold des Ruhrgebiets. Kaum ein Rohstoff hat die wirtschaftliche Geschichte Europas und eine ganze Region so geprägt wie die Steinkohle. 

Bereits im 19. Jahrhundert wurden die ersten Zechen an der Ruhr eröffnet. Zu Hochzeiten arbeiteten etwa 500.000 Menschen in den engen Schächten unter Tage. Das Ruhrgebiet war der Maschinenraum Europas – die Steinkohle der Motor der Industrialisierung. Doch bereits während der Kohlekrise in den 1950er- und der Stahlkrise in den 1970er-Jahren musste der Kohle- und Stahlabbau als Einnahmequelle nach und nach ersetzt werden. Rückblickend manifestierte die Kohle- und Stahlkrise den Anfang vom Ende des Ruhrbergbaus und im Ruhrgebiet begann das, was bis heute den unpräzisen Begriff „Strukturwandel“ trägt.

Jahrzehntelang prägten Schlagzeilen über hohe Dauerarbeitslosigkeit, Armut und Verödung städtischer Räume die Debatte um den Strukturwandel an der Ruhr. Mittlerweile gibt es allerdings auch viele positive Nachrichten: Bottrop, Gelsenkirchen und Essen zeigen exemplarisch, wie die Flächen neu genutzt werden können, die mit dem Ende des Steinkohlebergbaus frei wurden. Die Kohle ging, aber die Kultur blieb in Essen, neue Arbeitsplätze wurden in Gelsenkirchen geschaffen und in Bottrop macht man das, was man im Ruhrgebiet gut kann: mit Energie umgehen.

Drei Städte und ein Beispiel für die ganze Region 

55 Meter hoch ragt das imposante Doppelbock-Fördergerüst im Essener Norden gen Himmel. Der „Eiffelturm des Ruhrgebiets“, wie es von den Menschen in der Gegend genannt wird, sei in den vergangenen zehn Jahren „zum Symbol für den Wandel in der ganzen Region avanciert“, sagt Delia Bösch, Pressesprecherin der Zeche und Kokerei Zollverein. Einst gehörte die Zeche Zollverein mit all ihren Anlagen zu den leistungsfähigsten und modernsten Steinkohlezechen der Welt. 1986 wurde die Arbeit beendet und 1300 Kumpel fuhren zu ihrer letzten Schicht unter Tage.Heute sei die ehemalige Zeche mit rund 1,5 Millionen Besuchern jährlich eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Nordrhein-Westfalen – nur der Kölner Dom verzeichne mehr Besuche. Auf dem rund 100 Hektar großen ehemaligen Zechengelände habe sich einiges getan: Neben Museen und einem Uni-Campus haben Naturparks und ein Freibad eröffnet. Die Zeche und Kokerei Zollverein habe sich zu einem „attraktiven Standort für Kultur, Freizeit, Bildung und Wirtschaft“ entwickelt, lobt die Stiftung Zollverein ihre Erfolge. 

Das Werkschwimmbad der Zeche Zollverein (© Jochen Tack / Stiftung Zollverein)

Bösch erinnert sich, wie ein ehemaliger Bergmann ihr erzählte, dass sich die Kumpel alle schlappgelacht hätten, als sie von den Plänen für das ehemalige Zechengelände hörten. Den Bergleuten sei damals nicht bewusst gewesen, dass die Zeche nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch „ein bedeutendes Kulturgut mit universellem Wert ist“. Seit 2001 darf sich die Zeche mitsamt der Kokerei sogar UNESCO-Weltkulturerbe nennen. Bösch sieht die Nutzung des ehemaligen Zechengeländes als ein „internationales Best-Practice-Modell für den Umgang mit industriellem Erbe“. 

Alternativen zum Steinkohlebergbau suchte man auch in Bottrop. Seit knapp zehn Jahren ist Bernd Tischler Oberbürgermeister der Stadt. Was nach dem Steinkohlebergbau kommen könnte, darüber hat Tischler sich schon viel früher Gedanken gemacht. Seit 1989 arbeitet er für die Stadt und suchte als Abteilungsleiter für Umweltplanung und anschließend als Leiter des Stadtplanungsamtes nach Alternativen, wenn der große Arbeitgeber, der Steinkohlebergbau, einmal wegfallen sollte. „Wir sind schnell auf die Idee gekommen, das zu tun, was wir hier im Ruhrgebiet gut können – mit Energie umgehen“, sagt Tischler. Früher ging es dabei um die Kohle als Energieträger, heute liegt der Fokus auf nachhaltigen Ressourcen. So starteten Anfang der 2000er-Jahre in Bottrop erste Projekte für mehr erneuerbare Energien und Energieeffizienz. 

Im Jahr 2010 suchte der Initiativkreis Ruhr in einem Wettbewerb die Klimastadt der Zukunft. Eine „Innovation City“, die sich einem Projekt mit ehrgeizigem Ziel widmet: Innerhalb von zehn Jahren sollen 50 Prozent weniger Kohlendioxid ausgestoßen werden. Die Entscheidung fiel auf Bottrop. „Mit dem neuen Projekt haben wir es geschafft, den Menschen die Sorge vor dem Steinkohleausstieg ein Stück weit zu nehmen“, sagt Tischler. Der Tag, an dem in Bottrop im Dezember 2018 das letzte Stück Steinkohle gefördert wurde, sei natürlich trotzdem sehr emotional gewesen. Es gebe eine starke Bindung der Menschen zum Kohlebergbau. Aber diese Zeit sei nun vorbei. „Und jetzt gucken wir eben, dass wir, so wie wir das im Ruhrgebiet immer machen, die Ärmel hochkrempeln und neue Pläne angehen“, sagt Tischler. 

Das Pilotprojekt, bei dem die Bürger ihr Haus klimafreundlich modernisieren lassen konnten, werde die Stadt erfolgreich abschließen, zeigt sich der Oberbürgermeister zuversichtlich. Zudem könne man auch ökonomische Erfolge nachweisen. Über 100 Millionen Euro seien über Aufträge von privaten und öffentlichen Gebäudeeigentümern an Bottroper Handwerker und Firmen geflossen. Das sei mit einer der Gründe, weshalb Bottrop inzwischen die Stadt mit der niedrigsten Arbeitslosenquote im ganzen Ruhrgebiet ist.

In Gelsenkirchen, der Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote Deutschlands will man mit der Neunutzung der ehemaligen Bergbauflächen einen ökonomischen Wandel herbeiführen. „Das Gelände der Zeche Nordstern war früher verbotenes Gebiet für alle, die nicht darauf gearbeitet haben,“ sagt Markus Schwardtmann, Vertreter der Stadt Gelsenkirchen. Zur Bundesgartenschau 1997 blühten dann Blumen auf dem ehemaligen Zechengelände, dass 1982 schließen musste. Seitdem hat sich einiges getan: 2017 feiern die Gelsenkirchener das 20-jährige Jubiläum des Nordsternparks. Schwardtmann ist sich sicher, dass die Entwicklung des Zechengeländes einmalig sei, was die Anzahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze angehe. 

Der Nordsternpark in Gelsenkirchen (© Stadt Gelsenkirchen)

Die Grundüberlegung im ganzen Ruhrgebiet sei dabei immer gewesen: „Was wir an alten Zechen und Industriewerken haben, das wollen wir nicht platt machen, das wollen wir gestalten“, so Schwardtmann. Diese Überlegung galt auch für Gelsenkirchen und den Nordsternpark. Neues Gewerbe, Wohnungen und Freizeitangebote zogen auf das ehemalige Zechengelände.  2.000 neue Arbeitsplätze seien so geschaffen worden. Arbeitsplätze, die die Stadt Gelsenkirchen dringend braucht. Der Nordsternpark mit seinen Hotels, einem Amphitheater, Beachvolleyballfeldern und dem Klettergarten sei ein Ausflugsziel, das jährlich 500.000 Menschen anlocke, schätzt Schwardtmann.

In Bottrop plant Bernd Tischler eine ähnliche Neunutzung des ehemaligen Zechengeländes Prosper-Haniel. „Wir sind ein sehr nachgefragter Standort, was Wohnen und Arbeiten angeht“, sagt der 59-Jährige. Gleichzeitig wolle man bewusst die Landschaft wiederaufbauen und den Ausbau sogenannter Radschnellwege vorantreiben. Das Projekt Innovation City und die „Bottroper Blaupause“ seien national und international nachgefragt. „Alle suchen die Bottrop-Story: Da verabschiedet sich eine Stadt vom Bergbau und es gehen nicht die Lichter aus und alles bricht zusammen. Im Gegenteil, die Stadt zieht los und hat neue Pläne. Diese Geschichte, die Klimaschutz, ökonomische Vorteile und neue Jobs bringt, die sucht man“, sagt der Oberbürgermeister.

Ein Erfolgsrezept für den Wandel 

Seit mittlerweile mehr als 25 Jahren ist das Ruhrgebiet nun Vorreiter in der Nachnutzung großer Industrieareale. Die drei Städte an der Ruhr stehen exemplarisch für den Fortschritt bei der Umgestaltung freigewordener Industrieflächen. Die Faktoren für ihren Erfolg? „Wichtig ist es, ein attraktives Angebot zu schaffen und das Interesse bei den Leuten zu wecken“, sagt Markus Schwardtmann in Gelsenkirchen. Für den Wandel der Zeche Zollverein in Essen seien vor allem „die Fokussierung auf Leitthemen und eine zielgenaue Kommunikation entscheidend gewesen“, sagt Delia Bösch. Gute Vorbereitung sei ebenfalls wichtig, sagt Bernd Tischler in Bottrop. „Hier herrscht keine traurige Stimmung. Wir wissen, wie es geht, sich neu zu erfinden und in eine neue Zukunft zu gehen.“

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