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Soziale Teilhabe im Alter: „Es scheitert schon am Geld für den Nahverkehr“

27. März 2019 Nora Backhaus Keine Kommentare

Altersarmut ist ein gesellschaftliches Problem, das nicht nur finanziell spürbar wird. Die Folgen sind vielfältig. Besonders ein Mangel an sozialer Teilhabe älterer Menschen wird von Verbänden und Betroffenen kritisiert.

Von Nora Backhaus und Sebastian von Hacht

Mangel an sozialer Teilhabe: Viele Rentner können sich spontane Café-Besuche nicht leisten. Foto: congerdesign/Pixabaycafe

Uwe Walter hat bald das erreicht, von dem viele ihr ganzes Arbeitsleben träumen: Er ist nächstes Jahr mit 65 Jahren endlich im Ruhestand. Der ehemalige Leiter eines Einzelhandels für medizinische und orthopädische Produkte in Bonn kann es gar nicht erwarten, sein altes Motorrad wieder flott zu machen und auf Tour zu gehen. Leider steht zunächst ein anderes, weniger leidenschaftliches Projekt an: Wegen seiner geringen Rente muss er umziehen. Er selbst bräuchte nicht viel Platz, sagt er, nur sein Motorrad, sein Fahrrad und sein kleines Faltboot müsse er unterbringen können. Und er fände es schön, mal nah am Wasser zu wohnen. Allerdings kann er nicht viel Miete zahlen und hat deswegen bei „plusWGs Wohngemeinschaften ab 50“ inseriert. Er hofft, mit seinem handwerklichen Können als gelernter Betriebsschlosser und als geschulter Betreuungsassistent gute Chancen zu haben, jemand Älteres als Mitbewohner zu gewinnen. „Je weniger ich an Miete zahlen muss, desto öfter kann ich mit meinen Motorrad-Kumpels auf Tour gehen“, erklärt Walter. Mit den derzeitigen Mietkosten müsste er auf sein Hobby verzichten.

Altersarmut für viele demütigend

So wie Uwe Walter geht es vielen, bestätigt Margret Böwe, Referentin der Abteilung Sozialpolitik des Sozialverbands VdK Deutschland. „Immer mehr Menschen sind von Altersarmut betroffen, dies belegt die steigende Armutsrisikoquote und die ansteigende Verschuldungsrate bei den Älteren. Etwa eine halbe Million sind auf Grundsicherung im Alter angewiesen, wobei Schätzungen davon ausgehen, dass 40 bis 70 Prozent in verdeckter Armut leben“, beschreibt die Expertin die Lage in Deutschland. Das bedeute, viele ältere Menschen hätten einen Anspruch auf soziale Sicherungsleistungen, nähmen diese aber aus Scham und Angst nicht in Anspruch. Gerade Ältere würden Altersarmut und „Stütze“ nach einem langen Arbeitsleben als demütigend empfinden. Viele versuchten dann lieber mit einer kleinen Rente über die Runde zu kommen.  „Da auch die Miet- und Energiekosten stark steigen, muss dann an allen Ecken gespart werden. Das bedeutet: nicht richtig heizen im Winter, Lebensmittel von den Tafeln holen und keine ,unnützen‘ Ausgaben zum Beispiel für einen Café- oder Theater-Besuch mit Bekannten.“

Auch Christoph Butterwegge, Armutsforscher an der Universität zu Köln, kennt die Probleme, die aus Altersarmut entstehen. Eine Rentnerin habe ihm mal erzählt, wie sie ihre Abende verbringt: „Sie sitzt abends im Dunkeln vor einem Glas warmer Milch – im Dunkeln, um Strom zu sparen, und vor einem Glas warmer Milch, weil ihre Großmutter ihr in der Kindheit erzählt hat, dass man den Hunger nicht spürt, wenn man warme Milch trinkt.“ Armut im Alter führe besonders häufig zu sozialer Isolation und Einsamkeit, so Butterwegge. „Soziale Teilhabe sieht anders aus.“

Initiativen für soziale Teilhabe oft nur auf ehrenamtlicher Basis

Menschen wie Uwe Walter, die dem Schicksal der Einsamkeit im Alter entrinnen wollen, finden auf der Online-Plattform „plusWGs“ Gleichgesinnte und mit etwas Glück einen Mitbewohner. Die Website ist seit 2010 online und nach eigenen Angaben mit circa 1.500 Besuchern am Tag und ungefähr 4.000 Anzeigen die größte Plattform für gemeinschaftliches Wohnen im Alter. Der Gründer Felix Herzog interessierte sich nach eigenen Angaben schon immer für die gesellschaftlichen Folgen des demographischen Wandels und setzte seine Idee eines solchen Portals nach seinem Studium in die Tat um. Seine Idee könnte in den nächsten Jahren immer gefragter sein, denn mit einem kleinen Budget bezahlbare Wohnungen zu finden wird angesichts steigender Mietpreise immer schwieriger. Zudem kommen in den nächsten Jahren die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er-Jahre ins Rentenalter. Der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum für Ältere wird also nochmal deutlich zunehmen.

Nicht nur der Staat kümmert sich, sondern auch Bürger in Eigeninitiative. „Ein großer Teil der Angebote, die die soziale Teilhabe von Älteren zum Ziel haben, werden auf ehrenamtlicher Basis erbracht oder durch Wohlfahrtsverbände“, sagt auch Margret Böwe vom VdK. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die bundesweit vertretenen Tafeln. Als Anbieter und Verteiler von kostengünstigen Lebensmitteln werden sie von immer mehr Menschen genutzt. Der Leiter der Hamburger Tafeln, Christian Tack, spricht von etwa 20.000 Bedürftigen, die jede Woche an den Ausgabestellen vorbeikommen und versorgt werden. Davon seien ungefähr 25 Prozent alte Menschen und Rentner, die Tendenz sei jedoch eindeutig steigend, betont er.

„Politik darf soziale Teilhabe nicht auf das Ehrenamt abwälzen“

Christoph Butterwegge sieht bei der Bekämpfung der Altersarmut jedoch eindeutig die Politik in der Pflicht: „Das Bundesverfassungsgericht hat den Gesetzgeber in seinem Hartz-IV-Urteil vom 9. Februar 2010 verpflichtet, nicht bloß das physische, sondern auch das soziokulturelle Existenzminimum – das Gericht spricht von einem menschenwürdigen Existenzminimum – zu gewährleisten“, erklärt er. Ähnlich positioniert sich auch der VdK. Der Staat müsse auf der einen Seite ehrenamtliche Aktivitäten stärken und fördern, auf der anderen Seite dürfe er seine Verantwortung für die soziale Teilhabe der Bürger nicht auf das Ehrenamt abwälzen, so Margret Böwe. Sie hat genaue Vorstellungen davon, was der Staat zu leisten hat und erläutert: „Wichtigste Voraussetzung ist, dass die Betroffenen materiell so abgesichert werden, dass sie überhaupt zur sozialen Teilhabe befähigt werden.“ Dazu gehöre für auskömmliche Renten zu sorgen, die Grundsicherung im Alter so zu reformieren, dass sie stigmatisierungsfrei von allen Berechtigten in Anspruch genommen wird, die Regelsätze zu erhöhen und die besonderen Bedarfe von Älteren zu berücksichtigen. Gerade Mobilität sei ein wichtiger Aspekt im Leben von älteren Leuten. Um diese zu gewährleisten, sei der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs in ländlichen Gebieten und die flächendeckende Einführung von Sozialtickets wichtig. „Teilweise haben die Leute nicht mal das Geld für den Nahverkehr, schon daran scheitert dann die soziale Teilhabe.“ Auch ehrenamtliches Engagement der Betroffenen selbst könne deren soziale Teilhabe fördern. Dafür müssten allerdings auch die Mitgliedsbeiträge für Vereine als Bedarfe in der Grundsicherung anerkannt werden, so Böwe.

Die Politik scheint diese Aspekte jedoch nicht sehr weit oben auf der Agenda zu haben. Das Bundesministerium für, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) betont zwar den zentralen Stellenwert der sozialen Teilhabe. Auf Nachfrage verweist es jedoch lediglich auf die laufende Arbeit zu den Themen demographischer Wandel, ältere Menschen und Wohlfahrtspflege, wie sie auf der Website des BMFSFJ dargestellt sind. Dort finden sich jedoch keine konkreten Pläne oder Projekte zur Ermöglichung sozialer Teilhabe von älteren Menschen. Die vom Bund geförderten Mehrgenerationenhäuser scheinen zwar gut angenommen zu werden – das Förderprojekt geht in die zweite Runde – zur flächendeckenden Verbesserung der Situation älterer Menschen können sie jedoch nicht beitragen. Zumindest sieht das Uwe Walter so. Er hat wenig übrig für so etwas. „Was soll ich denn da? Ich schraube lieber an meinem Motorrad rum.“

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