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Selbstversuch: Von der „CO2-Buchhalterin“ zur Klima-Pionierin

08. April 2019 Catharina Jaeckel Keine Kommentare

Obwohl sich die meisten Menschen der Gefahren des Klimawandels bewusst sind, ändern sie ihr Konsumverhalten nicht. Warum ist das so? Catharina Jäckel hat einen Monat lang versucht, klimaneutral zu leben.

Fahrradfahren – Günstig, gesund und gut für die Umwelt Foto: Catharina Jäckel

Das letzte Mal, dass ich nach Herzenslust gegen alle Regeln eines klimabewussten Lebens verstieß, war Weihnachten. Ich hörte in der Küche meiner Eltern das Fleisch brutzeln. Eingehüllt in warmes Kerzenlicht, die Heizung stark aufgedreht, spürte ich den Sekt in meinem Blut und biss herzhaft in die servierten Lachs- und Kalbsleberwurstschnittchen. Ich könnte behaupten, der Sekt und das Ambiente hätten meine Urteilskraft stark eingeschränkt. Doch das stimmt nicht: Auch in den darauffolgenden Tagen, die ich abseits von meinem Alltag bei meiner Familie verbrachte, verzichtete ich weder auf Fleisch, noch achtete ich beim Einkauf darauf, wo und wie Obst und Gemüse angebaut wurden. Schlimmer noch: Ich habe eine bewusste Entscheidung getroffen: In dieser Zeit suhlte ich mich in den kulinarischen Ergüssen meiner Familienmitglieder.

Heute, nur wenige Wochen nach Weihnachten, wird mir schlecht bei dem Gedanken an Fleisch. Wenn nicht einmal ich, die ich mich intensiv mit nachhaltigerem Konsum beschäftige, es schafft, tatsächlich nachhaltiger zu handeln, wie soll es dann eine ganze Gesellschaft schaffen? Die Ausrede, die Folgen des Klimawandels seien zu abstrakt, zählt wohl kaum noch. Erst vor wenigen Monaten erklärte der Weltklimarat, dass sich die Gefahren der Erderwärmung noch einigermaßen in Schranken halten ließen, wenn wir den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad (gegenüber vorindustriellen Zeiten) begrenzen. Um das zu erreichen, müssten jedoch in allen gesellschaftlichen Bereichen „schnelle, weitreichende und beispiellose Änderungen“ stattfinden, also sowohl im Energiesektor als auch in der Landwirtschaft, im Bau und Verkehr. Dazu muss die Politik handeln, doch auch jeder Einzelne müsste bereit sein, sein Verhalten zu ändern.

Warum tun wir es nicht? Wie schwer ist das wirklich? Um das herauszufinden, starte ich Anfang Januar einen Selbstversuch: Einen Monat möchte ich deutlich klimafreundlicher leben. Im Idealfall will ich so leben, dass ich nicht mehr umweltschädliche Emissionen verursache, als sie jedem Menschen auf der Erde zustehen, wenn alle gleichermaßen zum 1,5-Grad-Ziel beitragen. Laut dem Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung müssten dafür in Deutschland die Pro-Kopf-Emissionen von zwölf Tonnen bis zum Jahr 2050 auf eine Tonne CO2 gesenkt werden.

Wo und wie kann ich CO2 sparen?

Zunächst berechne ich meinen persönlichen CO2-Fußabdruck. Dazu gebe ich im Internet auf der Seite des Umweltbundesamtes an, wo und wie ich lebe. Mein Fußabdruck liegt unter dem deutschen Durchschnitt bei 9,5 Tonnen, hauptsächlich deswegen, weil ich kein Auto besitze und mir Fernreisen nicht leisten kann. Dennoch ist er erstaunlich hoch.

Doch wo fange ich an zu reduzieren? Ich frage Michael Bilharz um Rat, der beim Umweltbundesamt den Emissionsrechner betreut. Er sagt: „Bei so kurzen Experimenten und in Ihrer Position als Studentin kann man nicht an den wirklich großen Stellschrauben ansetzen.“ Das seien Grundsatzentscheidungen. Die Wohnungswahl sei beispielsweise entscheidend, je kleiner, desto besser für das Klima. Aus dieser gehe außerdem das Mobilitätsverhalten hervor. Langes Pendeln mit dem Auto oder kurze Anfahrtswege zur Arbeit mit dem Rad wirken sich entscheidend auf den persönlichen Fußabdruck aus. Auch die Wärmedämmung des Hauses, die ich als Mieterin in einer Wohnungsgemeinschaft kurzfristig nicht beeinflussen kann, kann große Mengen CO2 einsparen. Sind diese Grundsatzentscheidungen zu Gunsten des Klimas gefällt, kann eine Familie bei einem ganz normalen Lebensstil ihre CO2-Bilanz auf fünf bis sechs Tonnen reduzieren, rechnet Bilharz vor.

Dennoch gibt es dem Experten zufolge viele Kleinigkeiten, bei denen ich im Alltag CO2 einsparen kann. Einen ganz entscheidenden Anteil auf meinen persönlichen CO2-Fußabdruck sowie den Wasserverbrauch hat meine Ernährung, insbesondere mein Fleischkonsum. Laut einem Artikel in der Fachzeitschrift Science sorgt die Fleischproduktion für deutlich mehr Emissionen als die Produktion pflanzlicher Nahrung. Fleisch sei die größte Quelle von Methan, das bei den Ausscheidungen von Wiederkäuern entsteht und ein großes „warming“-Potenzial hat.

Statt mein Flexitarier-Dasein fortzusetzen, möchte ich daher in den folgenden 31 Tagen auf tierische Produkte komplett verzichten und vegan leben. Laut dem „Ernährungsreport 2019“ sind bisher nur ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland Veganer. Dem Emissionsrechner zufolge kann ich als Veganerin über eine Tonne CO2 im Jahr einsparen.

In der ersten Woche kostet mich mein neues Essverhalten viel Zeit, denn ich muss aufpassen: Nicht alles Vegane ist auch umweltfreundlich. Kokosnussmilch und Avocados sind beispielsweise für mich tabu wegen ihres langes Transportwegs und des Anbaus. „Bei diesen Kleinigkeiten dürfen Sie sich jedoch nicht verzetteln“, warnt mich Bilharz, drei Wochen nachdem mein Experiment gestartet ist und ich weitere Fragen habe. „Für Erdbeeren im Winter fallen nur wenige Gramm CO2 an, für Flugreisen hingegen sind es Tonnen.“ Da ich im Januar jedoch sowieso keinen Flug geplant habe, beschließe ich, besonders strikt zu sein.

Im Penny an der Fuhlsbüttler Straße, in dem ich normalerweise einkaufe, greife ich nicht wie gewöhnlich zu Zucchini, Aubergine, Tomaten und Paprika. Nicht nur der Preis soll jetzt meinen Einkauf entscheiden, sondern auch, ob das Obst und Gemüse Bio, regional und saisonal üblich ist. Ratlos stehe ich zwischen den Regalen. Das Bio-Siegel sehe ich nur auf wenigen Produkten. Im Januar kommen die Produkte von weit her oder aus dem Gewächshaus, das beheizt werden muss – aus Spanien, Marokko oder Italien. Nach fünf Minuten Ratlosigkeit entscheide ich mich für Kartoffeln, Sorte Belana aus der Lüneburger Heide, und Äpfel, Boskop, aus dem Alten Land. Exotisches Gemüse ist jetzt out. „Das wird ja abwechslungsreich“, denke ich mir und greife widerwillig auch noch zum Rosenkohl.

Bio, regional und saisonal: Auf dem Markt finde ich Obst und Gemüse, das diese Anforderungen erfüllt. Foto: Catharina Jäckel

Wahrgenommene Kosten und Nutzen beeinflussen klimafreundlichen Konsum

Diese Ratlosigkeit ist laut Wissenschaftlern typisch und mit ein Grund, dafür, warum Verbraucher nicht so umwelt- und tierfreundlich einkaufen, wie es ihren an anderer Stelle geäußerten Einstellungen entspräche. Forscher an der Universität Göttingen haben dazu ein Modell entwickelt, das sich laut eines der Autoren, Jesko Hirschfeld, auch auf klimafreundlichen Konsum übertragen lässt.

Demnach sind tier- und umweltfreundliche Produkte viel teurer als konventionelle Ware. Außerdem werden sie seltener angeboten, weniger beworben und sind oft nur schlecht gekennzeichnet.

Diese Erfahrung mache ich auch. Nach einem langen Arbeitstag stehe ich hungrig und ungeduldig zwischen den einladenden Regalen eines Edeka-Marktes. Ich zwinge mich, schnurstracks in die Bio-/Vegan-Abteilung zu marschieren, um Nudeln und einen Frühstücksaufstrich zu kaufen. Die Inhaltsstoffe überprüfe ich heute allerdings nicht, Hauptsache Bio und vegan, die Siegel stimmen. Ich muss trotzdem lange suchen, weil bei Edeka nur wenig Bio-Produkte im Regal liegen und sie auch nicht immer klar gekennzeichnet sind. Dadurch, dass die Produkte auch noch teurer sind, entsteht den Göttinger Forschern zufolge ein soziales Dilemma. Ich muss entscheiden, ob ich die Kosten für klimafreundliche Produkte allein tragen will und damit auch denen helfe, die weiterhin preisgünstige konventionelle Produkte einkaufen, den sogenannten Trittbrettfahrern, die an diesem Abend im Supermarkt ganz deutlich in der Überzahl sind.

Dabei orientieren sich diese auch nur an Kosten und Nutzen, die sie wahrnehmen und bewerten. Ich, die ich nun die Kosten für das Klima mit einrechne, sehe durchaus den Nutzen, den mein nachhaltiges Handeln hat. Stolz ziehe ich zur Kasse und begutachte die Beute der Frau vor mir. Unwillkürlich schüttele ich den Kopf: Das Fertiggericht Nürnberger Bratwürstchen mit Kartoffelstampf rollt an mir vorbei unter den Scanner des Kassierers. Die Kundin, eine ältere Dame, scheint das zu bemerken und wird etwas rot. „Wie furchtbar“, denke ich. Dass ich so schnell zu eine dieser Bio-Tanten geworden bin, die aus Frust, sich selbst einzuschränken, andere sichtbar verurteilen. Ich schicke ihr schnell ein Lächeln nach und frage mich, ob tatsächlich alle Menschen irgendwann die Notwendigkeit sehen, ihre Gewohnheiten, bei denen negative Folgen für das Klima verdrängt werden, zu durchbrechen.

Von der Milch bis zur Waschmaschine – CO2 sparen kann ich fast immer

Ich bilde indessen neue Gewohnheiten aus, um mein Ziel, klimaneutral zu leben, zu erreichen. Regelmäßig gehe ich jetzt in Denn’s Bio-Markt in Barmbek, dort sind Champignons und Süßkartoffel zwar etwas teurer, doch wird dort klar und deutlich gekennzeichnet, ob ein Produkt Bio und vegan ist. Der Aufwand, nach versteckten tierischen Inhaltsstoffen zu suchen, entfällt. Auf dem Wochenmarkt am Goldbekufer macht das Einkaufen besonderen Spaß, es riecht gut, ich darf viel probieren und Obst und Gemüse von regionalen Bio-Bauern sind gar nicht so teuer, wie man denkt: Für Äpfel, Birnen, Rosenkohl, Salat und Spinat zahle ich zehn Euro. Auch abseits meiner Ernährung entwickle ich ganz neue Mechanismen: Ich vermeide Plastik, koche mit Deckel und erhitze Wasser zuvor im Wasserkocher, schalte die Multisteckerleiste aus, wenn Laptop und Handy geladen sind oder ich mein Zimmer verlasse und ziehe die Jalousien runter, wenn es möglich ist, damit weniger Wärme entweicht. Außerdem stelle ich die Heizung nachts und auch tagsüber etwas runter, fahre kurze Strecken mit dem Fahrrad und gehe mehr zu Fuß, statt in den Bus oder in die Bahn zu steigen.

War ich zuvor immer eine Verfechterin des Kurzprogramms meiner Waschmaschine, erfahre ich nun auf den Seiten des Umweltministeriums, dass Kurz- nicht immer gleich energiesparend ist und sich andere Parameter, wie etwa die Strom- oder Gradzahl, erhöhen. Das normale oder das Eco-Programm dauern zwar länger, bedeuten für mich aber nicht mehr Arbeit.

In meinem Umfeld sind nicht alle begeistert von meinem Selbstexperiment, meine Mitbewohnerin stöhnte zunächst, hat Angst, dass ich sie bekehren möchte. Doch die meisten unterstützen mich, eine Freundin, mit der ich regelmäßig koche, schickt mir jetzt interessante Artikel und neue Rezepte. In meinen Seminaren soll ich erzählen, wie es mir ergeht und wo es schwerfällt, klimafreundlich zu leben. Auch unterwegs fällt es in einer Großstadt wie Hamburg nicht schwer, an den neuen Grundsätzen festzuhalten. In Cafés kostet Hafer- oder Sojamilch meistens 30 Cent mehr als Kuhmilch, wird aber fast überall angeboten. Bringe ich meinen Thermobecher mit, hat sich bisher keiner geweigert, mir mein Getränk darin zuzubereiten. Fast überall gibt es vegane Gerichte auf der Karte, oft mit Tofu oder Seitan. In der Mensa steht neben dem veganen „V“ sogar das Siegel „Klimateller“, das klimafreundliche Gerichte kennzeichnet.

Cappuccino schmeckt auch mit Hafermilch
Foto: Catharina Jäckel

Während meines Selbstexperiments geht es jedoch auch sehr oft darum, zu verzichten. Ich kaufe beispielsweise ein Shirt im Second-Hand-Shop und lasse meine Hose reparieren, statt sie wegzuschmeißen und durch eine neue zu ersetzen.

Laut dem Rechner des Umweltbundesamtes, den ich am Ende des Monats erneut befrage, kann ich durch diese kleinen Umstellungen meinen CO2-Fußabdruck kurzfristig auf 4,07 Tonnen CO2 im Jahr reduzieren. Auf Industrieemissionen und die allgemeine Infrastruktur, wie Verwaltung, Militär, Straßenbau und Gesundheitswesen, auf die bereits 1,2 Tonnen CO2 entfallen, habe ich derzeit keinen Einfluss. Zu einem Ökostrom-Anbieter und einer Ökobank zu wechseln plane ich. Und wenn eines meiner Haushaltsgeräte kaputtgehen sollte, nehme ich mir vor, ein energieeffizientes Gerät zu kaufen, das zwar teurer ist, aber länger hält.

Mein Ziel, klimaneutral zu leben, habe ich zwar um drei Tonnen verfehlt, doch dabei einiges gelernt: Natürlich kann ich an sehr vielen Punkten schlechte Entscheidungen für das Klima fällen. An ebenso vielen Punkten kann ich und jeder andere aber auch anfangen, sich zu verbessern. In den nächsten Monaten will ich nicht als „CO2-Buchhalterin“ leben, wie Bilharz es ausdrückt. Also für jeden Apfel, den ich esse, und jede Bewegung, die ich mache, den CO2-Ausstoß berechnen. Doch möchte ich versuchen, meinen neuen klimafreundlichen Lebensstil nicht weiter als Herausforderung, sondern als Standard festzulegen, auch in den Köpfen anderer.

Vegan leben ist normal, aber ab und zu Fleisch essen ist in Ordnung. Mit dem Zug fahren bleibt erste Wahl, aber wenn es terminlich nicht anders geht, kann ich auch mal in den Flieger steigen. „Nur wenn alle Einzelnen handeln, ändern sich die Rahmenbedingungen, und es gibt eine klimaneutrale Gesellschaft. Dazu muss es Pioniere geben, die sagen, dass sie schon jetzt klimaneutral leben“, spricht mir Bilharz Mut zu. Ein Pionier zu sein, das ist doch was, und war vielleicht noch nie so einfach.

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