Wirtschaft in ihrer ganzen Vielfalt

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Selbstverständlich selbstständig

14. April 2019 Mirjam Bittner Keine Kommentare

Deutschland ist bei der Förderung von Unternehmensgründungen im europaweiten Vergleich vorne dabei. Trotzdem geht die Zahl der Gründungen zurück. Marion Hüchtermann ist Geschäftsführerin von IW JUNIOR und setzt sich damit für die praktische Vermittlung von wirtschaftlichem Wissen an Schulen ein, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

Frau Hüchtermann, als wie wichtig schätzen Sie die ökonomische Bildung und die Vermittlung von Unternehmerwissen ein?

Ökonomische Bildung halten wir für ein ganz essentielles Thema, weil sie ganz viele Lebensbereiche betrifft. Dazu gehört für uns auch das Thema Berufsorientierung und die Stärkung von Kompetenzen, die wir den Schülern gerne vermitteln wollen. Das muss in der Schule auch seinen Platz haben und vor allem von dafür ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden, denn das ist leider häufig der Punkt: Wirtschaftliche Themen sind in anderen Fächern „versteckt“, und die Ausbildung der Lehrkräfte ist im Bereich Wirtschaft nicht so intensiv, dass sie fundierter vermitteln können.

Und Sie greifen ein und übernehmen die ökonomische Bildung oder wie kann ich das verstehen?

Wir unterstützen die Lehrer, indem wir ihnen neben inhaltlichen Informationen auch Methoden an die Hand geben. Zum Beispiel die Schülerfimenprogramme, in deren Rahmen die Schüler ein Jahr lang wirklich Unternehmer sind. Dabei können sie in vielen Bereichen profitieren, nicht nur durch Wissen über Wirtschaft. Sie erhalten auch Kenntnisse darüber, wie ein Unternehmen funktioniert, wie wichtig es ist, in einem Team zu arbeiten, sich zu entscheiden und sich für Entscheidungen auch Informationen einzuholen. Dabei arbeiten die Schüler auch in verschiedenen Abteilungen. Und es sind sicherlich Schüler dabei, die später deshalb gerne mal ihr eigener Chef sein möchten.

Was ist das Ziel dieser Projekte?

Im Wesentlichen möchten wir, dass die jungen Leute sehen: Wo habe ich meine Stärken? Was interessiert mich?

Warum sollten gerade junge Leute gründen? Anstatt den Weg einzuschlagen, erst einmal ein Studium oder eine Ausbildung zu absolvieren?

Ich würde nicht sagen, dass direkt von der Schule aus gegründet werden muss. Aber wir führen den Schülern vor Augen, dass Gründen überhaupt eine Alternative ist. Denn das ist überhaupt nicht so verbreitet. Die Jugendlichen gehen eher Richtung Studium oder Ausbildung und bleiben dann in einer abhängigen Beschäftigung. Und wir möchten die Alternative aufzeigen, damit sie Erfahrungen sammeln können und vielleicht auch das Gefühl bekommen, dass sie das können. Anschließend sollten sie sich natürlich schon ein vertieftes Wissen aneignen, im Rahmen einer Ausbildung oder eines Studiums. Aber dann können sie sagen: Jetzt ist ein eigenes Unternehmen eine Alternative. Möglich ist auch, dass die Schüler ihre Geschäftsidee nebenbei fortführen und sich zum Beispiel ihr Studium damit verdienen.

Kommt das öfters vor?

Solche Fälle haben wir auch, ja. Eine Schülerfirma hatte zum Beispiel eine Event-Agentur. Damit hat der Gründer nach dem Ende des Projekts weitergemacht und sich damit sein Studium finanziert. Nach dem Abschluss hat er seine eigene Agentur gegründet und macht das mittlerweile sehr erfolgreich seit 20 Jahren. Das sind genau solche Dinge, die wir anstoßen möchten.

Nehmen Sie wahr, dass junge Leute, die bei Kooperationen wie Ihren mitmachen, tatsächlich mehr gründen?

Es gibt Untersuchungen darüber. Andere Organisationen in der EU haben ähnliche Programme wie wir, und zum Beispiel die Schweden oder Engländer haben in der Vergangenheit Studien durchführen lassen. Diese kamen zu dem Ergebnis, dass die jungen Leute, die an dem Schülerfirmenprogramm teilgenommen haben, signifikant mehr gründen, signifikant bessere Jobs haben und auch mehr verdienen. Diese Programme sind also durchaus Initialzündungen, um später mehr zu gründen und beruflich erfolgreicher zu sein.

Sie möchten Schülern zeigen, dass Selbstständigkeit eine Möglichkeit ist. Heißt das, dass es an den Schulen in diesem Bereich Defizite gibt, auch bei den Lehrern?

Es gibt viele gute Lehrer, die auch entsprechendes Fachwissen haben. Natürlich gibt es zwischen den Bundesländern Unterschiede und teilweise gibt es auch Wirtschaft im Unterricht. Was aber fehlt, ist das im Lehrplan Verankerte, Systematische, dass es auch ausgebildete Lehrer dafür gibt. Es käme niemand auf die Idee zu sagen: Wir haben einen Biologie-Lehrer, der kann auch Chemie unterrichten. Das ist aber im Prinzip das, was beim Thema Wirtschaft passiert: dass Lehrer unterrichten, die dafür nicht 100 prozentig ausgebildet sind. Und gerade auf der politischen Ebene möchten wir das anstoßen. In Baden-Württemberg oder in Bayern wurden schon entsprechende Fächer etabliert.

Also ist eine verpflichtende Einführung des Fachs Wirtschaft ein Schritt in die richtige Richtung?

Auf jeden Fall. Das kann man gerne so wie in Baden-Württemberg oder in Nordrhein-Westfalen machen. Es kommt ja immer das Argument, wenn etwas neu eingeführt wird, müsste man anderswo etwas weniger machen. Aber da muss nichts wegfallen, man muss das einfach vernünftig organisieren. In der Hauptschule und der Realschule in Nordrhein-Westfalen werden z.B. die Ergänzungsstunden aus den Kontingentstunden kommen (Ab dem Schuljahr 2019/20, Anm. d. Red.). Es gibt also gute und schlaue Möglichkeiten, das Thema Wirtschaft so in die Schullandschaft einzubetten, dass es nicht zu Lasten von anderen Dingen geht, dass es im Gegenteil ein Gewinn ist. Es ist die Stärkung von bestimmten Inhalten und Kompetenzen, die den Schülern vermittelt werden, damit sie gut ins Leben kommen.

Bisher kommt es ja sehr auf das eigene Engagement von Schülern und Lehrern an, die ihre eigene Freizeit dafür aufbringen.

Das ist vielfach so. Wir arbeiten mit vielen Lehrern zusammen und das sind tolle, engagierte Lehrer, die sich auch über den Unterricht hinaus mit dem Thema beschäftigen.

Wenn ein Schüler jetzt auf einen Lehrer zugeht mit einer Projektidee: Wie kann der Lehrer denn am besten damit umgehen?

Im Idealfall machen sie natürlich bei „JUNIOR“ mit, weil sie sich hier in einem geschützten Rahmen ausprobieren können. Auf der anderen Seite gibt es sicherlich im Rahmen des Schulalltags weitere Möglichkeiten, die Schüler heranzuführen: Arbeitsgemeinschaften, Projekttage oder Projektkurse. Man kann sich auch Fachleute aus der Wirtschaft einladen, sodass die Schüler Kontakte in die Wirtschaft knüpfen können. Die Schule sollte auf jeden Fall geöffnet werden und Fachleute hineinlassen, die den Schülern fachlichen Input geben können.

Würden Sie sagen, je früher man ansetzt, desto besser?

Ja, denn es geht immer darum, den Schülern zusätzliches Wissen zu vermitteln und sie etwas ausprobieren zu lassen. Das kann man auch schon mit jüngeren Schülern machen – natürlich entsprechend angepasst und mit der Begleitung von Lehrern. Aber spielerisch kann man auch schon Grundschüler an solche Dinge heranführen wie unser Programm primo zeigt.

Dann könnte ein früher Anfang einen positiven Einfluss für den späteren Arbeitsmarkt bringen?

Die Schüler könnten sich dann zumindest besser orientieren und haben eher eine Vorstellung, was in einem Unternehmen oder einer Ausbildung auf sie zukommt. Es ist ja immer noch so, dass viel zu viele Ausbildungsverhältnisse aufgelöst werden. Weil Schüler enttäuscht sind und es sich anders vorgestellt haben. Aber wenn sie vorher schon hinein geschnuppert haben, durch ein Praktikum, eine Schülerfirma oder einen Schulbesuch von einem Unternehmer, dann ist für alle Seiten viel gewonnen.

Zur Person:
Marion Hüchtermann ist Geschäftsführerin der IW Junior gemeinnützigen GmbH. Die JUNIOR Schülerfirmenprogramme gehören zum Institut der deutschen Wirtschaft in Köln und setzen sich für eine praxisnahe Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Themen an Schulen ein.

Von Mirjam Bittner

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