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Richtig pleite

31. März 2019 Lena Neubig Keine Kommentare

Etwa sieben Millionen Bürgerinnen und Bürger können ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen. Trotzdem geht nur ein Bruchteil von ihnen zu Schuldnerberatungen. Während der Schuldenberg weiter wächst, ist die Scham einfach zu groß.


von Magdalena Neubig


Kann ich mir diesen Cappuccino wirklich leisten? Vielleicht kostet das Brot bei dem Bäcker weiter weg noch 20 Cent weniger? Wie soll ich die sechs Euro Fahrtkosten zum Arzt, die diesen Monat dazukommen, an anderer Stelle bloß wieder einsparen? Fragen wie diese haben Maria Mahlers* Alltag jahrelang bestimmt. Fast schon krankhaft hat sie sich rund um die Uhr mit Geld beschäftigen müssen. Weil ihr Eigenes nicht ausreichte. Und weil sie das Geld, was sie sich deshalb geliehen hatte, nicht mehr zurückzahlen konnte. Viele Jahre hat es gedauert, bis sich die 60-Jährige eingestanden hat, dass sie Hilfe braucht.

Verschuldung an sich ist zwar kein Problem, Überschuldung hingegen schon. „Überschuldet ist jemand, wenn er über einen längeren Zeitraum nicht in der Lage ist, seine Verbindlichkeiten zu bedienen“, sagt Sally Peters, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Finanzdienstleistungen (iff) in Hamburg. Eine offizielle Definition von Überschuldung gibt es nicht. Die Auskunftei Creditreform schaut sich für ihre Überschuldungsanalysen an, bei wie vielen Privatpersonen nachhaltige Zahlungsstörungen vorliegen. Also ob von mehreren Gläubigern zwei oder mehr Mahnungen existieren. Demnach gibt es fast sieben Millionen überschuldete Deutsche. Die Zahl bewegt sich seit Jahren in dieser Größenordnung, Überschuldung sei mittlerweile aber nicht mehr nur ein Problem sozialer Randgruppen, sagt Sally Peters.

Maria Mahler hat also viele Leidensgenossen.

Ihr persönliches Schuldenproblem entwickelte sich peu à peu. Am Anfang stand die Scheidung von ihrem zweiten Ehemann vor 16 Jahren, die zu großen finanziellen Einbußen führte. Ihre jüngere Tochter war da gerade fünf Jahre alt. Ihr Ex-Mann zahlte für sein Kind in den Jahren darauf keinen oder nur wenig Unterhalt. Dann wurde Maria schwer krank und schließlich erwerbsunfähig. Bis dahin hatte sie in Vollzeit in der Verwaltung vorwiegend bei Rewe gearbeitet. „Da stand ich dann mit meiner kleinen Erwerbsunfähigkeitsrente. Und was machst du dann? Erstmal Dispo. Ausgeschöpft. Mit schlechtem Gewissen. Wenn dann gerade so drei Tage vor dem Monatsersten finito war, dann war ich schon glücklich“, beschreibt Maria die Entwicklung.

Nachdem sie den Dispo in Höhe von 1000 Euro immer wieder überzog, machte die Bank daraus einen richtigen Kredit. Danach kam die erste Kreditkarte und dann die zweite. Marias Tochter ging derweil auf ein privates Gymnasium, weil sie dort ganztägig betreut werden konnte und zu den Schulkosten von anfangs 150 und später dann nur noch 60 Euro kam all das dazu, was Kinder eben so brauchen: Handy, Laptop, Kleidung. Sollte ihre Tochter etwa das einzige Kind sein, dass nicht mit auf Klassenfahrt konnte? Einfach zu peinlich. Je älter ihre Tochter wurde, desto mehr stiegen die Kosten. Maria arbeitete derweil immer wieder in
Minijobs, soweit es ihr Gesundheitszustand zuließ: „Aber es hat nie, nie, nie gereicht und da war die Verführung natürlich relativ groß. Ich hab ein Loch gestopft und hinten wieder ein Neues aufgemacht.“ Sie zog in eine günstigere Wohnung um oder versetzte ihren ganzen Schmuck, um kurzfristige Lösungen zu finden.

Die Probleme, die zu Marias Überschuldung geführt haben, sind typisch: Scheidung, Krankheit, verminderte Erwerbstätigkeit. Ergebnisse des iff-Schuldnerreports 2018 zeigen, dass Menschen in rund 26 Prozent der Fälle in die Überschuldung rutschen, weil sie arbeitslos sind oder weniger arbeiten als vorher. In jeweils rund 10 Prozent der Fälle sind Einkommensarmut, Krankheit und Trennung vom Partner die Ursache des Problems. „Entgegen der landläufigen Meinung verschulden sich nur etwa 9 Prozent der Menschen aufgrund ihres Konsumverhaltens“, sagt Sally Peters vom iff. Am stärksten betroffen sind Menschen im Alter zwischen 25 und 45 Jahren. Männer sind öfter verschuldet als Frauen. Auch Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern sind im Vergleich zur restlichen Bevölkerung häufig überschuldet – das sind dann zumeist Frauen.

So eben auch Maria. Von dem Schuldenproblem wussten nur ihre Ex-Schwiegermutter und eine Freundin. Ihrer Tochter sei zwar klar gewesen, dass es finanziell eng ist, aber sie sei fast umgefallen, als Maria ihr dann im letzten Jahr vom ganzen Ausmaß der Schulden erzählt hat. Anderen Menschen hat sie nichts gesagt: „Das ist einfach kein Thema. Denn du bist ja selber schuld! Warum machst du denn Schulden? In den Köpfen der Leute macht man Schulden, weil man einen Porsche vor der Tür haben will. Und wenn man so lebt, dann soll man sich halt auch bitte selbst um die Schulden kümmern. Ich hab aber kein Haus, Boot oder Pferd.“

Über die Schuldenjahre hinweg hat Maria zu den meisten Bekannten und Freunden den Kontakt verloren: „Du kannst nicht mal so eben sagen, ich geh in eine Kneipe und verjubel zehn Euro. Irgendwann sind mir dann keine Ausreden mehr eingefallen, warum ich nicht mitkann. Und das wird dann als Desinteresse gewertet, das ist auch echt bitter.“ Irgendwann hat keiner mehr angerufen, weil sie ja sowieso nicht mitkam. „Je weniger Geld ich habe, desto weniger bewege ich mich in öffentlichen Räumen. Diese Vereinsamung kommt bei Überschuldeten teilweise auch dazu“, sagt Eva Müffelmann, Leiterin der Schuldnerberatung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Hamburg-Lokstedt.

Maria ist im Herbst 2018 zu einer Schuldnerberatung in Harburg gegangen. Aber auch nur, weil ihr eine enge Freundin und ihre ehemalige Schwiegermutter gut zugeredet haben: „Ich habe mich dort in die äußerste Ecke gesetzt und gedacht, hoffentlich kommt keiner, der dich kennt. Bitte nicht, lieber Gott, erspar mir diese Peinlichkeit.“ Die Scham hält sehr viele Menschen davon ab, jemals eine Beratungsstelle aufzusuchen. Die Beratungen erreichten nur etwa zehn Prozent der Überschuldeten, beschreibt Sally Peters vom iff die Situation: „Es dauert teilweise 10 bis 15 Jahre nach den ersten Anzeichen der Überschuldung, bis die Leute in Beratungsstellen kommen.“ Bei Maria hat sich das auch so lange hingezogen. Um die 14.000 Euro Schulden hatte sie am Ende. Auch mit dieser Schuldenhöhe entspricht sie ungefähr dem Mittelwert, den das Institut für Finanzdienstleistungen errechnet hat. Demnach können Überschuldete in der Regel etwa 15.000 Euro nicht mehr zurückzahlen.

Sally Peters zufolge ist die Höhe der Schulden aber gar nicht die entscheidende Zahl, wenn es darum geht, ob jemand aus dieser Situation wieder herauskommen kann. Viel wichtiger seien die persönlichen Einkommensmöglichkeiten: „Für den einen sind 700 Euro unmöglich zu bezahlen, für den anderen fängts erst ab 15.000 Euro an“.

Marias Beratung dauerte etwa drei Monate. Damit sei sie ein Fall, wie er praktisch nur einmal im Jahr vorkomme, sagt die Schuldnerberaterin Eva Müffelmann. Damit die Beratung in nur drei, vier Monaten abgeschlossen ist, müsse der Klient seine Unterlagen beisammenhaben, alle Termine einhalten, gut zuhören und auch die Handlungsmöglichkeiten an sich verstehen. Meist komme aber etwas dazwischen und da könne eine Beratung auch schon mal ein ganzes Jahr dauern. Das DRK führt eine der sechs von der Stadt Hamburg anerkannten und finanzierten Beratungen. Als soziale Schuldnerberatung beraten sie nur Klienten bis zu einer gewissen Einkommensgrenze. Die liegt für einen einzelnen Erwachsenen derzeit bei einem Einkommen von monatlich 1.433 Euro netto.

Wenn die Klienten dann im Büro sitzen, erklärt ihnen Eva Müffelmann, welche Möglichkeiten es gibt, mit Schulden umzugehen. Die Juristin schaut sich an, wofür ihre Klienten ihr Geld ausgeben und wo es möglichweise Einsparpotenzial gibt. Sie erklärt, unter welchen Bedingungen die Verschuldeten ihre Schulden durch ein Insolvenzverfahren loswerden können oder aber wie sie verhindern können, dass ihr gesamtes Vermögen gepfändet wird, falls sie lieber mit den Schulden weiterleben möchten. Ihr Gegenüber hat die Auswahl, sie ist nur Beraterin.

Das Konzept hinter der Beratung ist heute ein anderes als früher: „Sozialarbeit hat sich sehr gewandelt. Ganz am Anfang war Schuldnerberatung noch so gedacht, dass man sich den Klienten auf den Schoß gesetzt hat und dann nach zehn Jahren überlegt hat, wie man ihn wieder los wird.“ Heute soll der Klient nicht entmündigt werden, sondern mit seinen jeweiligen Kompetenzen gearbeitet werden. Nur wenn der Überschuldete bereit ist, aus freien Stücken sein Verhalten zu verändern, kann das auch funktionieren.

In Marias Fall schließt sich an die Beratung nun ein Privatinsolvenzverfahren an. Laut Angaben des iff-Überschuldungsreports führen etwa 40 Prozent der beratenen Fälle zu einem solchen Verfahren. Maria ist hin- und hergerissen bezüglich ihrer Beratung: „Da ist immer noch das Gefühl, ich habe versagt. Andere bezahlen meine Schulden. Das ist das, was mir so auf meiner Seele brennt.“ Sie hat jetzt eine Insolvenzverwalterin, die sich um alles kümmert. Diese schaut beispielsweise, ob Maria noch über pfändbares Einkommen verfügt und verteilt es an die Gläubiger. Wenn Maria sich an alle Bedingungen des Insolvenzverfahrens hält, kann sie in ein paar Jahren von einem Gericht von ihren restlichen Schulden befreit werden.

Diese Aussicht sorgt für eine wahnsinnige Erleichterung. Marias aktuelle Situation ist auf jeden Fall schon um einiges leichter geworden. Da ihr normales Girokonto in ein Pfändungsschutzkonto umgewandelt wurde, können ihre Gläubiger monatlich etwa 1.133 Euro ihres Guthabens nicht antasten. Ihren Alltag kann sie sich also wieder leisten.

Maria erzählt, dass sie ursprünglich mal gedacht hat, dass sie ihr Leben lang in Vollzeit durcharbeiten wird, irgendwann eine gute Rente bekommt und dann ihren Alterssitz auf Gran Canaria bezieht – mit 365 Tagen Sonne im Jahr. Sie lacht etwas wehmütig, weil es so anders gekommen ist. Jetzt träumt sie erstmal davon, in fünf, sechs Jahren mit dem Insolvenzverfahren durch zu sein. Und davon, dass sie irgendwann vielleicht mal wieder in den Urlaub fahren kann. Vielleicht ja nach Gran Canaria.

*Name geändert

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