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Kollektiv gegen das System – ein Hamburger Getränkehersteller denkt um

27. März 2019 Tim van Olphen Keine Kommentare

Kein Gewinn, keine Arbeitsverträge, kein fester Arbeitsplatz und Einheitslohn für alle Mitarbeiter. Uwe Lübbermann denkt Wirtschaft anders und zeigt mit dem Getränkeunternehmen Premium Cola, dass es funktionieren kann. 

von Tim van Olphen

Premium Cola-Gründer Uwe Lübbermann (© Lübbermann)

Wenn Uwe Lübbermann morgens aufsteht, macht er sich einen Kaffee und fährt seinen Rechner hoch. Kaffee trinken und Emails lesen, vielmehr braucht er nicht. Auch keinen festen Arbeitsplatz, Lübbermann arbeitet dort, wo er gerade ist. Und der 42-Jährige ist viel unterwegs. Vorgestern bei den Organisatoren eines Festivals in der Nähe von Berlin, gestern ein Vortrag in einem Münchner Konzern und heute wieder Hamburg. 2019 sei es ihm schon gelungen, kürzer zu treten, sagt er. Vergangenes Jahr seien es etwa zwei Veranstaltungen pro Woche gewesen. „Je nachdem, wo die sind, bin ich schon mal zwei, drei Tage auf der Schiene.“

Lübbermann ist der Gründer von Premium Cola. Einem kleinen Getränkeunternehmen aus Hamburg, das mittlerweile neben einer Cola auch Bier und Limos verkauft. Vor 17 Jahren hatte er die Idee, Dinge anders anzugehen, nicht den Gepflogenheiten der Wirtschaft zu folgen. Der gebürtige Hamburger hat einen hohen Anspruch: Er will zeigen, dass eine andere Art des Wirtschaftens möglich ist. Das Kapitalismus auch ohne Gewinnmaximierung und Marketing funktionieren kann. 

Bei Premium Cola läuft alles anders: keine Arbeitsverträge, Büros oder feste Arbeitszeiten. Keine aggressive Marketingstrategie, keine Gewinnmaximierung und Einheitslohn für alle – 18 Euro die Stunde –, auch für Uwe Lübbermann. Zuschläge gibt es für Eltern, Menschen mit Behinderung und Menschen, die einen festen Arbeitsplatz benötigen und nicht von Zuhause aus arbeiten können. Das Unternehmen an sich sei ein Netz aus „Kollektivisten und Kollektivistinnen“, wie Lübbermann die Menschen bei Premium nennt. Ein Kollektiv also, bei dem alle Beteiligten die gleichen Rechte haben. Ob Spediteur, Abfüller, Kioskbesitzer oder Konsument – wer auch immer mit der Cola zu tun hat, kann theoretisch bei jeder Entscheidung mitbestimmen. Organisiert wird das ganze über ein Online-Forum. Eintreten kann, wer die Cola schon einmal probiert hat oder einen der Kollektivisten kennt. Aktuell seien 240 Menschen im Online-Forum registriert – zur Hälfte gewerbliche Partner und zur Hälfte Konsumenten. Die Konsumenten schätzt Lübbermann auf „ein paar Zehntausend“, gezählt habe er sie aber noch nie. 

Die Entscheidungen werden im Konsens getroffen. So lange nur ein Kollektivist dagegen stimmt, gilt ein Vorschlag als abgelehnt. Lübbermann hat als Gründer das Recht, ein Veto einzulegen. Der Unternehmer sieht sich auch nicht als Chef, denn dann hätte er die „Bestimmungsmacht über andere Menschen“ und die wolle er nicht. Bei Premium gibt es keine Hierarchien, alle seien gleichwertig. „Die Gleichwürdigkeit der Menschen ist für mich ein Punkt, der sich nicht verhandeln lässt. Das ist unser Grundsatz“, sagt der 42-Jährige.

Neben seiner Arbeit für das „Premium-Kollektiv“ versuche er im Kontakt mit rund 1.700 gewerblichen Partnern greifbar zu machen, dass man „menschlicher miteinander arbeiten kann“, sagt Lübbermann. Er hält viele Vorträge, vor Konzernmitarbeitern, vor Studenten, auf Kongressen. Er berät Unternehmen, um seine Idee zu verbreiten. Um zu zeigen, dass es auch anders geht. Seit drei Jahren ist Lübbermann zudem auch in der Immobilienbranche tätig. Gemeinsam mit den Handwerkern beschließt er beispielsweise, wie und wann Sanierungsarbeiten erledigt werden und bespricht mit den Mietern, welche Miete sie sich leisten könnten. „Das Ganze mache ich, weil ich etwas verändern will. Ich könnte mich auch nur um Premium kümmern, aber ich will etwas zum Menschlicheren und Positiven verändern“, sagt er. 

Zu Lübbermanns Grundüberzeugungen gehört, dass jeder die Sachen machen kann, die er möchte. So handhabt er das auch bei Premium. Bei ihm müssen die Leute keine festgeschriebenen Stellenbeschreibung erfüllen, sagt er. „Wir geben grob vor, was wir brauchen, stellen das in unser Online-Forum und die erste Person, die sich meldet und das ausprobieren möchte, darf das auch.“ Er wolle den Menschen Raum lassen, verschiedene Dinge zu tun. Dadurch habe er bei Premium tendenziell mehr Menschen, die ihren Job mögen und gerne erledigen. In der Summe seien die Menschen so auch zufriedener. „Wir wollen eine Organisation bauen, in der jeder das macht, was er mag und was er kann – nicht andersherum.“ Sollte das einmal nicht klappen, werde der Job umgebaut, anstatt die Person ausgewechselt, erklärt Lübbermann. 

Ob er an seiner Idee irgendwann gezweifelt habe? Zu Beginn habe er natürlich gezweifelt. „Wir haben einen Anti-Mengenrabatt eingeführt. Kleinhändler, die höhere Kosten hatten, haben von uns einen besseren Preis bekommen“, sagt er. Was für ihn selbstverständlich gewesen sei, habe bei vielen alteingesessenen Getränkehändlern zunächst für Gelächter gesorgt. „Da habe ich natürlich gezweifelt, wenn man erstmal ausgelacht wird“, erinnert sich Lübbermann. Auch heute frage er sich regelmäßig, ob es der richtige Weg sei, den er eingeschlagen habe. „Aber je länger ich das mache, desto klarer ist für mich, dass es funktioniert“, sagt er. 

In 17 Jahren ohne schriftliche Verträge habe er noch keinen Rechtsstreit ausfechten müssen. Auch sei es in diesen Jahren erst zu drei Situationen gekommen, in denen er als Gründer ein Veto hätte einlegen müssen. Einmal, weil eine Charge der Cola die gesetzliche Höchstmenge an Koffein überschritten hatte und zwei weitere Male, als es um das Aussehen der Flaschenetiketten ging. Beispiele, die für Lübbermann zeigen, nicht alles nach den wirtschaftlichen Gepflogenheiten ausrichten zu müssen. Es gebe auch Nachteile: Manche Prozesse dauern zum Teil länger und die Kollektivisten müssen zwingend online sein, um teilzunehmen. Reich werde man auch nicht, sagt Lübbermann. Siebeneinhalb Jahre habe es gedauert, bis er einen Anteil pro Flasche einstreichen konnte und noch mal ein Jahr länger, bis er von Premium Cola leben konnte. Dies sei aber der „gesunde Weg“, ohne den Druck von Investoren, sagt der Hamburger. 

Etwas mehr als 600.000 Euro habe Premium Cola im letzten Jahr umgesetzt. Davon seien jedoch Dreiviertel „für Zutaten und Leergut draufgegangen.“ Jeglicher Gewinn werde gespendet oder neu investiert, am Ende stehe die schwarze Null. 1,5 Millionen bis 1,6 Millionen Flaschen pro Jahr werden an Getränkehändler verkauft. „Ein paar Promille Marktanteil – nicht systemrelevant“, bilanziert Lübbermann, aber man sei dennoch groß genug, dass ein Teil der Kollektivisten von ihrer Arbeit für Premium Cola leben könne. 

Für Uwe Lübbermann sind das jedoch alles nur Zahlen. Wichtig sei für ihn, zu zeigen, dass es nur eine Person brauche, um etwas anzustoßen. „Die eine Person, die es macht. Und mir zeigt es ganz einfach, dass es klappt. Es funktioniert nicht nur, es funktioniert sogar besser.“ 

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