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„Game-Changer“ 5G

16. Juli 2019 Jonas Walter Keine Kommentare

5G wird die Wirtschaft revolutionieren. Über das immense Potenzial der neuen Technologie sind sich Mobilfunkanbieter, Unternehmen, Politiker und Experten einig. Wie genau dieses Potenzial jedoch aussieht lässt sich nur schwer abschätzen. Am Einsatz in der Industrie wird sich wohl als erstes zeigen, ob 5G die hohen Erwartungen erfüllen kann.  

6.099.603.000 Euro – auf diese Summe ist die Auktion der 5G-Frequenzen (Stand 30.05.) mittlerweile angestiegen, die die Bundesnetzagentur in Mainz seit dem 19. März durchführt. Die Mobilfunkanbieter greifen also tief in die Tasche, um sich im Rennen um eine Technologie zu positionieren, die das Bundeswirtschaftsministerium in seiner Industriestrategie 2030 als einen „Game-Changer“ für die deutsche Wirtschaft bezeichnet. Und auch die Unternehmen selbst scheinen dem neuen Mobilfunkstandard, der die Übertragung von riesigen Datenmengen in Echtzeit ermöglichen soll, einen großen Stellenwert zuzuweisen. Laut einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbandes Bitkom hält die Hälfte aller deutschen Industrieunternehmen eine künftige Verfügbarkeit von 5G für wichtig. BMW, BASF, VW und Bosch haben sogar angekündigt für Ihre Unternehmen eigene 5G-Netze, sogenannte Campusnetze, aufbauen zu wollen. Die Politik und Wirtschaft scheinen sich über die Bedeutung der neuen Technologie einig zu sein. Es gelte, „die wirtschaftlichen Potenziale der neuen Schlüsseltechnologie voll auszuschöpfen“, heißt es vom Bundeswirtschaftsministerium. Doch konkrete Aussagen dazu, wie groß diese Potenziale sind, lassen sich nur schwer treffen.

Die wirtschaftlichen Folgen von 5G abzuschätzen, wird besonders dadurch erschwert, dass die Technologie nicht nur Einzelne, sondern viele unterschiedliche Wirtschaftsbereiche beeinflusst. „5G ist eine Schlüsseltechnologie, bei der die Besonderheit darin liegt, dass sie unterschiedliche Entwicklungen vorantreibt“, sagt Christian Rusche vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Durch 5G können beispielsweise einerseits mit wenig Aufwand die Vernetzung von zahlreichen Geräten, andererseits aber auch Anwendungen mit künstlicher Intelligenz realisiert werden. Aufgrund dieses breiten Anwendungsspektrums sei es teilweise schwierig, das mit 5G einhergehende wirtschaftliche Potenzial genau zu beziffern. Zwar gibt es bereits mehrere Studien, die Prognosen enthalten. Jedoch arbeiten diese Untersuchungen oft mit sehr unterschiedlichen Methoden und kommen so zu jeweils anderen Ergebnissen. Doch wenn man diese Unterschiede berücksichtigt und beachtet, dass es sich stets um Prognosen handelt, die teilweise weit in die Zukunft ragen, kann sich ein Blick auf die Zahlen durchaus lohnen, meint Johannes Winter, Leiter des Themenschwerpunkts Technologien bei der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (kurz acatech). In einer Untersuchung aus dem Jahr 2017 hat IHS Markit, ein Daten- und Informationsdienstleister, den Einfluss von 5G auf die globale Wirtschaft untersucht. Laut dieser Studie wird die 5G-Wertschöpfungskette in Deutschland im Jahr 2035 insgesamt eine Bruttoleistung von über 200 Milliarden Euro betragen. Für Länder wie Frankreich oder Großbritannien liegen die Prognosen bei 85 beziehungsweise 76 Milliarden Euro. Besondere Profiteure von der 5G-Technologie würden dabei, nach dieser und vieler weiterer Studien, allen voran die Industrie, das Transport und Logistikwesen sowie Digitalunternehmen sein.

Industrie als erstes Einsatzgebiet von 5G

Diese Einschätzung teilt auch Christian Rusche. Er glaubt, dass die Industrieunternehmen in Zukunft zu den Ersten zählen, die 5G einsetzen werden. „5G liefert die Infrastruktur für die Industrie 4.0“, sagt Rusche. „Durch die Vernetzung in Echtzeit wird es möglich werden, dass die Fabriken selbstständig arbeiten. Werkstücke und Fertigungsmaschinen werden miteinander kommunizieren. Aus diesem Grund sind Unternehmen wie VW und Bosch sehr daran interessiert, eigene 5G-Netze aufzubauen.“ Und diese intelligenten Fabriken könnten schon in den kommenden Jahren Wirklichkeit werden. Rico Radeke beschäftigt sich als Forschungsleiter im 5G-Lab der TU Dresden bereits seit Langem mit dem Mobilfunkstandard der fünften Generation und dessen technischer Umsetzung. Ihm zufolge werden gerade jene Industrieunternehmen, bei denen bereits Pilotversuche laufen, zwischen 2020 und 2025 ihre Produktionsabläufe teilweise auf 5G-basierte Anwendungen umgestellt haben. Am Hamburger Hafen läuft bereits seit 2018 ein Pilotversuch mit dem neuen Mobilfunkstandard. Dort wird mit Hilfe von 5G eine Vernetzung der Verkehrsleitsysteme erprobt, um die Tausende Lkw, die täglich Waren an- und abliefern, effizienter koordinieren zu können. Die so gewonnenen Erkenntnisse könnten für einen späteren serienmäßigen Betrieb der Technologie ein Vorteil sein. 

In vielen anderen Bereichen könnte es noch deutlich länger dauern, bis die Potenziale von 5G ausgeschöpft werden können. „Im Gesundheitswesen beispielsweise ist die Komplexität der unterschiedlichen Akteure höher. Das macht es schwieriger“, meint Johannes Winter. „Für ein Unternehmen ist es da viel einfacher, seine Fabrik auf 5G umzustellen.“ Aus diesem Grund sei davon auszugehen, dass gerade in Bereichen wie dem Gesundheitswesen, wo viele Akteure unter einen Hut gebracht werden müssen, erst deutlich später auf die mit 5G verbundenen Möglichkeiten zurückgegriffen wird.    

Arbeitsmarkt könnte von 5G profitieren

Bezüglich der Arbeitsmarktsituation wird in der IHS-Studie angenommen, dass durch 5G in Deutschland 1,2 Millionen Arbeitsplätze entstehen werden. Einen Anstieg der Arbeitsplätze erwartet auch das Bundeswirtschaftsministerium. „Anhand wissenschaftlicher Untersuchungen können wir davon ausgehen, dass sich die Zahl der Arbeitsplätze insgesamt eher erhöhen als verringern wird, dass aber eine große Zahl bisheriger Arbeitsplätze von der Transformation betroffen sein wird“, heißt es in der Industriestrategie 2030. Laut acatech-Experte Winter bedeutet dies konkret, dass in einigen Berufsfeldern mit einem drastischen Rückgang an Arbeitsplätzen gerechnet werden muss, manche Berufsbilder gar gänzlich verschwinden werden und auf der anderen Seite neue hinzukommen. Auch er rechnet damit, dass insgesamt mehr Jobs entstehen werden. „In den letzten drei industriellen Revolutionen war der Saldo stets positiv. Ich denke, dies wird auch diesmal der Fall sein“, meint Winter. Wie die Erfindung der Dampfmaschine, des Fließbands und der Mikroelektronik wird der neue Mobilfunkstandard zu tiefgreifenden Veränderungen der wirtschaftlichen Verhältnisse führen. Die damit einhergehenden Herausforderungen bestehen nach Ansicht des Experten insbesondere darin, dass die entstehenden Jobs höher qualifizierte Arbeitskräfte benötigen würden als jene, die wegfallen werden.

Eine weitere große Herausforderung für die deutsche Wirtschaft sieht Johannes Winter im richtigen Netzaufbau. Mit Blick auf diesen sieht er die über sechs Milliarden Euro, auf die sich die Auktion mittlerweile beläuft, kritisch. „Je höher der Preis bei der Auktion steigt, desto weniger bleibt den Mobilfunkunternehmen für Investitionen in das Netz“, sagt Winter. Diese Tatsache sei umso schwerwiegender, weil Deutschland beim Breitbandausbau ohnehin schon hinterherlaufen würde. Doch um überhaupt ein stabiles 5G-Netz aufbauen zu können, sei gerade ein gutes Breitbandnetz unabdingbar. Denn der Aufbau der 5G-Antennen ist vom  bestehenden Netz abhängig. Außerdem fordert der Experte eine stärkere europäische Zusammenarbeit. „Wir stehen im Wettbewerb mit China und den USA, daher brauchen wir eine europäische Lösung“, sagt Winter. „Wenn das 5G-Netz an Landesgrenzen endet, weil die jeweiligen Netze nicht miteinander kompatibel sind, wird es uns hier in Europa nicht den entscheidenden Vorteil bringen.“ Und nicht nur Probleme beim Netzaufbau könnten den prognostizierten Wirtschaftspotenzialen einen Strich durch die Rechnung machen. Anfang des Jahres legte das Journalistennetzwerk „Investigate Europe“ nach intensiver Recherche offen, dass bei der Bewertung der gesundheitlichen Risiken von 5G deutliche Widersprüche bestehen. Immer mehr Studien würden demnach darauf hindeuten, dass die elektronische Hochfrequenzstrahlung die Gesundheit schädigen kann. Ein Umstand, der den geplanten 5G-Ausbau komplett über den Haufen werfen könnte.  

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