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Es geht auch ohne Wachstum – alternatives Wirtschaftsstudium

02. April 2019 Kjell Knudsen Keine Kommentare

Finanzkrisen, Arbeitslosigkeit und Umweltverschmutzung. Die Liste der wirtschaftlichen Probleme ist lang. In den Wirtschaftswissenschaften lernen die Studierenden an den meisten Unis trotzdem nur eine einzige Theorie kennen. Ein Masterstudiengang in Siegen zeigt, wie es anders geht.

von Kjell Knudsen

Wenn die Wirtschaft wächst, geht es uns allen gut. Es gibt nicht genug Wohnungen? Keine Sorge, der Markt regelt das. Außerdem sind wir alle Egoisten und wollen immer mehr. Vielleicht klingt es realitätsfern, aber so lassen sich die Grundlagen unseres Wirtschaftssystems zusammenfassen. Stark vereinfacht natürlich, aber das Prinzip wird klar. Die Theorie, auf der solche Aussagen basieren, heißt Neoklassik. Ausgehend von dieser Theorie lernen die fast 400.000 Studierenden in wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen an deutschen Universitäten, wie Wirtschaft funktioniert. Fast alle Fakultäten sind inhaltlich gleich ausgerichtet. Das Problem dabei: Aus der Perspektive des Marktes und des Wachstums bleiben viele Fragen unserer Zeit offen. Zum Beispiel der Klimawandel, auf den der Markt bisher noch keine Antwort gefunden hat. Auch Ungleichheit zwischen den Geschlechtern kann die klassische Ökonomik nicht erklären. Dabei ist es nicht so, als gäbe es keine Theorien dafür. Sie werden bloß nicht an den Unis gelehrt. Es gibt nur wenige Ausnahmen. Eine davon ist der Master „Plurale Ökonomik“ an der Universität Siegen.

„Wir bieten etwas an, das in klassischen Mastern nicht angeboten wird. Bei uns können Studierende andere Blickwinkel auf die Ökonomik kennenlernen“, sagt Nils Goldschmidt, Wirtschaftsprofessor und Mitbegründer des Studienganges in Siegen. Gemeinsam mit einigen Kollegen wollte er „einfach mal austesten, ob es für so ein Angebot einen Markt gibt“. Mittlerweile gibt es das Masterprogramm seit fast drei Jahren und die Entwicklung ist eine Erfolgsgeschichte. Aber warum ist es überhaupt wichtig, verschiedene Theorien zu berücksichtigen? Goldschmidt antwortet in Anlehnung an ein Zitat des österreichischen Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick: „Wenn ich nur einen Hammer habe, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus. Wir müssen den ganzen Werkzeugkasten aufmachen.“

Gegen die blinden Flecken in den Wirtschaftswissenschaften

Was plurale Ökonomik konkret bedeutet, erklärt Julia Cremer, die im ersten Semester in Siegen studiert so: „Ganz kurz würde ich sagen: eine etwas alternative Volkswirtschaftslehre.“ „Volkswirtschaft“ heiße, es geht um Probleme, wie Arbeitslosigkeit oder Produktion von Lebensmitteln. „Alternativ“ bedeute, die Antwort nicht immer am Markt zu suchen. Zur Untersuchung von wirtschaftlichen Zusammenhängen werden in einer pluralen Ökonomik unterschiedlichste Theorien genutzt. „In den klassischen Wirtschaftswissenschaften gibt es viele blinde Flecken“, sagt die Siegener Studierende. Einer davon ist die Geschlechtergerechtigkeit. Frauen haben seit Jahrhunderten zuhause gearbeitet, doch für die Ökonomik war diese Art der Arbeit nicht von Interesse. Was nicht auf dem Markt stattfindet, sieht die Neoklassik nicht. Deshalb beschäftigen sich feministische Wirtschaftstheorien insbesondere mit Arbeitsverhältnissen von Frauen.

Pro Jahrgang schreiben sich knapp 30 Studierende in den Siegener Masterstudiengang ein. Auch Valentin Seehausen ist einer von ihnen. Er hat vorher einen Bachelor in Volkswirtschaftslehre in Berlin gemacht. „Ich wusste, dass mir die klassische VWL nicht gefällt, und habe dann den Master entdeckt und wusste, dass das mein Studiengang ist“, sagt er. Ihm hat die vielseitige Ausrichtung geholfen, sich zwischen den verschiedenen wirtschaftswissenschaftlichen Theorien zu orientieren. „Durch mein Studium kenne ich die Schwächen der Mainstream-Volkswirtschaftslehre und kann sie auch klar benennen“, sagt Seehausen.

Michael Messal studiert ebenfalls „Plurale Ökonomik“ in Siegen und kennt die klassische Volkswirtschaftslehre aus seinem Bachelor: „Teilweise war ich frustriert, wenn ich nachgefragt habe, was ein bestimmter Term in einer Gleichung bedeutet und die Professoren das nicht erklären konnten. Das liegt dann daran, dass es manchmal keine Erklärung dafür gibt.“ Er sieht die größere Freiheit in dem Studiengang als großen Vorteil und kann sich dort mit verschiedenen Theorien beschäftigen. „Wir lernen zum Beispiel auch etwas über Wirtschaft ohne Wachstum, das sind Dinge, die kann man sich in normalen wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen nicht vorstellen“, sagt Messal. Klassischerweise geht die Ökonomik davon aus, dass Wachstum keine Grenzen kennt. Finanzkrisen, das Ungleichgewicht zwischen Armen und Reichen oder die Endlichkeit der Ressourcen auf der Erde sind einige der Argumente dagegen. Zu einer pluralen Wirtschaftswissenschaft gehört es deshalb auch zu erforschen, wie Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren kann.

Svenja Flechtner ist Juniorprofessorin für plurale Ökonomik in Siegen und nimmt ihre Kollegen aus der klassischen Volkswirtschaftslehre in Schutz. „Nicht alles, was die machen ist Quatsch, es geht darum, dass es noch viel darüber hinaus gibt“, sagt sie. Das Ziel des Masterprogrammes sei es einen größeren Kontext darzustellen, „ohne zu sagen was der beste Ansatz ist“. Auch Nils Goldschmidt betont, dass die klassischen Studiengänge durchaus ihre Berechtigung haben. „Wir sehen uns nicht als Konkurrenz oder Ersatz zur Betriebswirtschaftslehre, sondern als Ergänzung“, sagt er.

Gute Jobaussichten für plurale Ökonomen

Anfangs waren sowohl Lehrende als auch Studierende noch skeptisch welche Chancen es mit dem Abschluss auf dem Arbeitsmarkt gibt. Doch die Skepsis hat sich als unbegründet erwiesen. „Unternehmen und Institutionen sind sehr offen für diese Absolventen. Unsere ersten Erfahrungen sind da sehr beruhigend“, erklärt Flechtner. Besonders bei NGOs, Ministerien und Stiftungen hätten Studierende aus dem pluralen Masterstudiengang gute Chancen. „Unsere Studierenden sind für diese Unternehmen interessantere Ansprechpartner, weil sie andere Blickwinkel haben“, sagt Goldschmidt.

Für Michael Messal ist schon lange klar, was er beruflich nicht machen will: „Ich habe keine Lust auf einen typischen Volkswirtschaftlerberuf, etwa als Analyst in einer Bank.“ Stattdessen kann er sich eine Karriere in der Wissenschaft oder als Unternehmensberater vorstellen. Valentin Seehausen hat schon konkretere Pläne. „Ich möchte eine Denkfabrik in Berlin gründen und ausprobieren, ob es Alternativen für unser Konzept von Geld gibt“, sagt er.

Das Siegener Masterprogramm „Plurale Ökonomik“ war in Deutschland das erste seiner Art. Weitere Universitäten haben begonnen ähnliche Lehrinhalte in wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge zu integrieren. Nils Goldschmidt hofft, dass diese Entwicklung anhält. „Wir wünschen uns, dass plurale Ökonomie keine Orchidee bleibt, die nur in Siegen blüht, sondern Einzug hält an anderen Unis. Wir sehen uns da schon als Vorreiter in gewisser Weise“, sagt er.

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