Wirtschaft in ihrer ganzen Vielfalt

custom header picture

Diagnose: Handlungsbedarf – Medizinstudierende fordern bessere Ausbildung

07. Mai 2019 Kjell Knudsen Keine Kommentare

Ärzte tragen viel Verantwortung. Ohne eine gute Ausbildung können sie ihre Verpflichtung Menschen bestmöglich zu behandeln nicht erfüllen. Der Grundstein dafür ist das Medizinstudium. Derzeit scheint der praktische Teil des Studiums diesen hohen Anforderungen nicht gerecht zu werden. Seit Monaten protestieren die Medizinstudierenden gegen schlechte Ausbildungsbedingungen.

von Kjell Knudsen und Jonas Walter

Haben Sie sich schon mal gefragt, was einen guten Arzt ausmacht? Vielleicht denken Sie, er sollte sich Zeit nehmen, Ihnen zuhören. Eine richtige Diagnose stellen und Sie anschließend so zu versorgen, dass Sie schnell wieder gesund werden. Oder anders gesagt: Ein guter Arzt sollte einfach gut ausgebildet sein? Eine schöne Vorstellung, aber mit der Realität hat sie wenig zu tun, sagt Alex*. Alex ist Medizinstudent in Düsseldorf und steht am Ende seines Studiums, genauer gesagt am Ende seines praktischen Jahres. Zehn Semester lang hat er in Hörsälen gesessen und die Theorie gelernt. Im praktischen Jahr sollte er dieses Wissen jetzt in die Tat umsetzen und auf seinen zukünftigen Arbeitsalltag als Arzt vorbereitet werden – eigentlich. „Ich habe den Anspruch, dass ich lerne Diagnosen zu stellen, wie ich einem Patienten begegne, das findet aber nicht statt“, sagt Alex.

Petition für gute Arbeitsbedingungen

Ein Gefühl, mit dem er nicht alleine ist. Vergangenen Dezember hat die Bundesvertretung der Medizinstudierenden eine Online-Petition gestartet, in der er bessere Ausbildungsbedingungen für das praktische Jahr fordert. Der Verband vertritt die bundesweit etwa 90.000 Medizinstudierenden. „Viele Studenten müssen 40 Stunden die Woche Haken halten und Blut abnehmen und sich durch einen Nebenjob finanzieren“, ein inakzeptabler Zustand, findet Eric Twomey vom Verband der Medizinstudierenden. Seit Jahren setzt er sich für faire Bedingungen im praktischen Jahr ein und koordiniert als Projektleiter die Petition des Verbandes. Darin fordern die Studierenden unter anderem eine bessere Lehre und eine angemessene Aufwandsentschädigung. „Bei 34 Blutabnahmen am Tag gehen schon ein paar Stunden drauf“, erzählt Alex. In seinem praktischen Jahr würde er gerne mehr von den Ärzten lernen. „Generell hat man Kontakt mit den Ärzten, aber ich würde das nicht Betreuung nennen. Die sagen mir eher, was ich zu tun habe“, beklagt er. Ähnliches erlebt auch Malte in seinem praktischen Jahr in einer kleinen Berliner Klinik. Jeden Tag nimmt er morgens Blut ab, legt Zugänge und schreibt nachmittags Arztbriefe. Für ihn ist nicht verständlich, warum keine Lehrinhalte vorgeschrieben sind. „Es ist absurd, dass nicht kontrolliert wird was wir genau machen“, meint er. Zwar gibt es in seinem Krankenhaus in unregelmäßigen Abständen Seminare, aus seiner Sicht reicht das aber nicht aus: „Wir besprechen keine Patienten, die wir selber vor Augen haben und mitbehandeln, das fehlt mir.“

Fakultäten in der Verantwortung

Gesetzlich geregelt ist die ärztliche Ausbildung in der Approbationsordnung. Sie legt fest, was im praktischen Jahr vermittelt werden soll. Konkrete Lehrmethoden und -Inhalte werden dort jedoch nicht genannt. „Gute Häuser haben wöchentlich Seminare eingerichtet, wo über Krankheitsbilder geredet wird“, erklärt Eric Twomey. Es gibt aber auch Kliniken, in denen es solche Seminare überhaupt nicht gibt. Durch die Petition soll sich das ändern.

Die Krankenhäuser sehen in diesem Punkt die Universitäten in der Verantwortung. „Für die medizinischen Lehre sind die Unis zuständig. Es muss mit den medizinischen Fakultäten abgestimmt werden, welche Lehrveranstaltungen sinnvoll sind“, sagt Peer Köpf von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Der Verband der medizinischen Fakultäten wollte sich auf Anfrage nicht zu den Arbeitsbedingungen im praktischen Jahr äußern. Neben den Fakultäten könnte auch das Gesundheitsministerium mit einer Änderung der Approbationsordnung aktiv werden. Das Ministerium verweist darauf, dass es bereits seit Mai vergangenen Jahres prüft, wie die Lernbedingungen verbessert werden können. Konkrete Pläne, wie das geschehen soll, nennt es aber keine.

Studierende fordern Aufwandsentschädigung

Doch die Lehre ist nicht der einzige Bereich, den die Studierenden am praktischen Jahr kritisieren. Ein ebenso wichtiges Anliegen ist ihnen eine faire Vergütung für ihre Arbeit. Nach Zahlen des Hartmannbundes, einem der größten deutschen Ärzteverbände, beträgt die durchschnittliche Aufwandsentschädigung in Deutschland 328 Euro pro Monat.. Am wenigsten bekommen Studierende in Berlin. Dort zahlt das Bundeswehrkrankenhaus als einzige Klinik eine Vergütung. Mit durchschnittlich fast 500 Euro ist die Aufwandsentschädigung in Thüringen am höchsten.

Link zur interaktiven Grafik: https://www.datawrapper.de/_/APg2B/

Für viele angehende Ärzte bedeutet die geringe Bezahlung eine zusätzliche Belastung. Sie verdienen sich ihren Lebensunterhalt entweder durch einen Nebenjob oder müssen auf Erspartes zurückgreifen. Alex bekommt in Düsseldorf monatlich 373 Euro. „Zum Leben reicht das nicht, sagt der Student.“ Er wird wie viele Kommilitonen von seinen Eltern unterstützt. Das Bundesgesundheitsministerium erklärt, es gebe keinen gesetzlichen Anspruch auf Bezahlung. Dies begründet es damit, dass das praktische Jahr Teil des Studiums und kein reguläres Arbeitsverhältnis ist. Der Verband der Medizinstudierenden sieht das anders. Er fordert in der Petition eine festgeschriebene Aufwandsentschädigung in Höhe des BAföG-Höchstsatzes von 735 Euro. Nach Ansicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft sollen die Kliniken die Kosten im Falle einer verpflichtenden Aufwandsentschädigung nicht selbst tragen. Stattdessen schlägt sie eine Finanzierung durch die Krankenkassen vor.

Erfolg des Protests ist ungewiss

Am fünften März endete die Unterschriftenphase der Petition der Bundesvertretung der Medizinstudierenden. Fast 110.000 Unterschriften hatte der Verband bis zum Ende gesammelt. „Wir nehmen Jens Spahn in die Verantwortung, dass er sich des Problems annehmen soll“, erklärt Eric Twomey. Ob die Initiative damit Erfolg hat, muss ich noch zeigen. Eines ist für Twomey aber schon jetzt klar: „Das sind keine Tarifverhandlungen. Wir fordern Mindeststandards, die kann man nicht runterverhandeln.“ Weniger zuversichtlich ist Medizinstudent Alex aus Düsseldorf. Er glaubt, dass die Petition auf absehbare Zeit etwas verändern wird. „Wir haben als Studierende nicht mitzureden und es wird über unseren Kopf entschieden“, stellt er resigniert fest.

Er hat viele Freunde, denen das praktische Jahr die Motivation am Arztberuf genommen hat. „Die hatten richtig Bock, bis sie gemerkt haben, wie Scheiße man behandelt wird.“ Malte hingegen hat die Begeisterung noch nicht verloren. In der Debatte um das praktische Jahr geht es für ihn vor allem um die Ausbildung guter Ärzte. Diese würde unter den derzeitigen Rahmenbedingungen im praktischen Jahr leiden. „Ich bin der Überzeugung, dass ich ein bessere Arzt werden würde, wenn mein praktisches Jahr besser wäre. Ich fühle mich jetzt zwar wohler im Arztkittel, aber nicht fitter in der Medizin.“

*Alex hat eigentlich einen anderen Namen, befürchtet aber negative Folgen für seine berufliche Zukunft. Deswegen wurde sein Name geändert.

Tags




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.