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Blutzuckermessen ohne Blutvergießen

31. März 2019 Lena Neubig Keine Kommentare

Das Start-up DiaMonTech arbeitet in Berlin an einer Messmethode, mit der Diabetiker schmerzfrei ihren Blutzuckerspiegel kontrollieren können. Mit Laser und Sensor anstelle von Nadel und Pieks.

von Magdalena Neubig

Vier Mal am Tag eine Nadel im Finger, vier Mal am Tag ein Tropfen Blut. Seit Antonia Kienz vor zwei Jahren an Typ-I-Diabetes erkrankt ist, misst sie in der Regel vier Mal am Tag ihren Blutzuckergehalt. Vor jedem Essen und vor dem Schlafengehen. Die Messung ist essentiell für die 22-Jährige, da ihre Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr produziert und sie sich das Hormon deshalb, je nach Blutzuckergehalt, künstlich selbst spritzen muss.

Antonia misst ihren Blutzucker ganz klassisch – mit Blut auf einem Teststreifen und einem Glucometer, welches daraus den aktuellen Glucosegehalt ermittelt. Die Nadel im Finger macht ihr relativ wenig aus, nur dass die Sensibilität in den Fingerkuppen abgenommen hat, findet sie unpraktisch. Dank ihres Medizinstudiums war sie es bereits gewohnt, Blut zu sehen oder anderen Menschen etwas zu spritzen. In der Vergangenheit hat sie auch schon andere Messmethoden ausprobiert, war bislang aber nicht wirklich überzeugt von den Alternativen. Deshalb piekst sich weiterhin regelmäßig in die Finger.

Andere Diabetiker pieksen auch, aber manche stört das mehr als Antonia. Wissenschaftler und Produktentwickler suchen auch deshalb schon länger nach weniger invasiven Methoden zum Blutzuckermessen. Außerdem sind Diabetiker potenziell ein ziemlich rentabler Markt für die Hersteller von Medizinprodukten. Allein in Deutschland gibt es laut Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft rund sieben Millionen Betroffene – Tendenz steigend.

Pendra, Glucowatch, C8 – die Liste der nicht-invasiven Produkte, die den Diabetes-Markt erobern wollten, ist lang. Der Großteil davon habe es jedoch noch nicht einmal auf den Markt geschafft, erzählt Professor Lutz Heinemann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Technologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Die Übrigen haben sich dort nicht halten können: „Das ist ein schwieriges Feld, wo eine große Bandbreite von extrem motivierten, engagierten Leuten bis hin zu eindeutig kriminellen Menschen unterwegs ist“. Nicht-invasiv Blutzucker zu messen sei gewissermaßen der Heilige Gral, nach dem alle ihre Hände ausstreckten. Bisher gebe es aber noch kein nicht-invasives System, das auch im Alltag unter allen möglichen Bedingungen so zuverlässige Werte liefere, dass man danach seine Diabetes-Therapie ausrichten könne. In regelmäßigen Abständen werde aber trotzdem ein neues Produkt auf den Markt gebracht: „Jeder hat so den Glauben, wir sind anders, wir sind besser. Wir haben die eierlegende Wollmilchsau. Das wichtigste Wort, was Sie immer auf der Homepage finden, ist Revolution“, beschreibt es Heinemann.

Jetzt kommt das nächste Start-up, das vorgibt, besser zu sein als seine Vorgänger. Auf der Webseite der Diamontech steht zwar nichts von „Revolution“, dafür aber von „Next Generation Monitoring“ und „Cutting Edge-Technology“. Eigenen Aussagen nach hat das Berliner Start-up eine Methode entwickelt, mit der sich Blutzucker nicht-invasiv und trotzdem zuverlässig messen lässt. Das aktuelle Messgerät hat zwar noch die Größe eines Schuhkartons, aber schon im Laufe des Jahres soll ein nur noch Smartphone-großes Gerät für die Diabetes-Patienten auf den Markt kommen. Die Nutzer sollen einfach den Finger auflegen können und innerhalb weniger Sekunden ihren Blutzuckergehalt erfahren. Bis voraussichtlich 2021 soll das Messgerät dann aussehen wie ein Fitnessarmband, das am Handgelenk alle fünf Minuten selbstständig den Glucose-Spiegel misst.

Die Gründer von Diamontech (Diabetes Monitoring Technology) wissen selber, dass es schon tausend Ansätze gab und tausend nicht funktioniert haben. Das hält sie aber nicht davon ab, selbst ihr Glück zu versuchen. Was möglicherweise damit zu tun hat, dass Werner Mäntele Teil des Gründerteams ist. Mäntele war in den vergangenen 22 Jahren Professor für Biophysik an der Universität Frankfurt, spezialisiert auf Spektroskopie. An der Uni hat er zwei Jahrzehnte damit zugebracht, Moleküle mittels Infrarot-Licht zu messen. Irgendwann kam die Idee auf, mit diesem Know-how auch Sensoren zu entwickeln, mit denen sich medizinisch relevante Blutbestandteile messen lassen. Ab einem gewissen Punkt gab es dafür aber keine Fördermittel mehr, weil es über die reine Grundlagenforschung hinausging. Die Pharmaunternehmen, die sich bis dato regelmäßig einen Überblick über Mänteles Forschung in Frankfurt verschafften, hätten sich aber nicht getraut, finanziell mit einzusteigen, beschwert sich Mäntele: „Diese großen milliardenschweren Unternehmen waren nicht bereit für eine Kooperation, die sie vielleicht eine halbe Million gekostet hätte“. Das Projekt steckte also mehr oder minder fest.

An dieser Stelle kommt der zweite Mitgründer ins Spiel: Thorsten Lubinski, ein Wirtschaftsinformatiker mit MBA-Abschluss. Nachdem der 44-Jährige ein paar Jahre im Silicon Valley in der Software-Entwicklung mit Online-Dating und Online-Gaming zu tun hatte und auch versucht hat, ein Start-up hochzuziehen, wollte er 2014 ins Healthcare-Geschäft einsteigen. Auf der Suche nach einem passenden Produkt im Bereich der Blutzucker-Messung stieß er auf wissenschaftliche Veröffentlichungen von Mäntele.

Seit 2015 sind sie Geschäftspartner. Um den Jahreswechsel herum haben sie in Berlin-Friedrichshain ihr erstes gemeinsames Büro bezogen. Die sieben festangestellten Physiker und Informatiker, die großen, optischen Messtische aus dem Labor in Frankfurt, ein Konferenzraum, ein Showroom – all das kommt in Berlin jetzt unter ein Dach. Natürlich in Berlin, weil dort das beste Start-up-Klima herrscht, wie Lubinski findet. Mäntele, der seit kurzem in Rente ist, schaltet sich ab und an mal aus dem Home-Office in Oberbayern hinzu. Mit über 60 Jahren noch eine Firma zu gründen, findet er unglaublich spannend, auch wenn der Schritt nicht selbstverständlich war: „Ich bin ja kein Businessmann, sondern ein simpler Professor. Aber ich möchte nicht, dass die Idee ausstirbt, sondern natürlich irgendwo an den Markt kommt“.

Weil die deutschen Pharmaunternehmen nicht wollten, wird Diamontech jetzt unter anderem von Investoren aus China und Japan finanziert. Teils durch Business Angels, teils durch industrielle Investoren, teils durch Privatpersonen. Fünf Millionen Euro wurden bislang aufgenommen, die komplett in die Entwicklung gehen. Interesse an den Vorgängen in Berlin zeigt die deutsche Pharmaindustrie aber immer noch, sagt Mäntele: „Wir sitzen hier in Berlin als kleiner David und basteln an unserer Schleuder. Und draußen laufen die Goliaths umher und verdienen noch Geld mit bereits etablierten Methoden. Das ist eine tolle Situation.“

Die Angst vor der Konkurrenz hält sich zurzeit in Grenzen. Diamontech nutzt ja eine besondere Messmethode, die, wie Mäntele sagt, auch sofort als Patent angenommen wurde. Diamontech bestimmt den Blutzuckergehalt nicht im Blut selbst, sondern in der interstitiellen Flüssigkeit – der Flüssigkeit in der Haut. Andere Messmethoden haben bereits gezeigt, dass auch in der interstitiellen Flüssigkeit Glucose enthalten ist, die in einem festen Verhältnis zum Blutzucker steht, und sich innerhalb weniger Minuten an Veränderungen des Blutzuckergehalts anpasst. „Wir dringen an Stellen, die gut durchblutet sind, mit einem Infrarot-Laser in die relevante Hautschicht ein“, erklärt Mäntele das Verfahren. Da jede Absorption von Licht Wärme erzeugt, entstehe auch im Glucose-Molekül Wärme, wenn es die Infrarotstrahlung des Lasers absorbiert. Die Wärme breite sich in Sekundenbruchteilen an der Oberfläche aus und sobald sie auf den kleinen Messkristall am Messgerät auftreffe, werde ein weiterer Laser durchgeschickt, der anhand der Ablenkung der Strahlen melde, wie stark die Absorption war. Je höher die Absorption, desto höher ist der Glucose-Gehalt. Da Glucose im Infrarot-Bereich einen molekularen Fingerabdruck hat, könne es nicht mit anderen Molekülen verwechselt werden.

Um sich vor den Googles und Apples dieser Welt zu schützen, habe Diamontech weitere Patente rund um die eigene Messmethode herumgebaut. Was sicher empfehlenswert ist, da zum Beispiel Apple seit Jahren daran arbeitet, mit Sensoren in der iWatch den Blutzucker zu messen. Auch Google versuchte kürzlich Kontaktlinsen zu entwickeln, mit denen in der Tränenflüssigkeit Glucose gemessen werden sollte. Ende 2018 wurde dieses Projekt wegen mangelnder Erfolgsaussichten allerdings gestoppt. Dass Google überhaupt an einer Diabetiker-Kontaktlinse geforscht hat, hat Professor Mäntele einigermaßen überrascht: „In der Literatur fanden sich immer wieder Hinweise darauf, dass die Glucose in der Tränenflüssigkeit nicht zwingend mit der Blutglucose korreliert. Für uns war also bereits klar, dass man mit Tränen nicht den Blutzuckerspiegel messen kann.“

Eben weil auch den Großen solche Pannen unterlaufen und es bei anderen Start-ups wenig neue Messansätze gebe, sieht Lubinski der Zukunft einigermaßen entspannt entgegen. Die Ziele sind hochgesteckt. Dieses Jahr soll das Produkt zwar erstmal für den europäischen Markt lizenziert werden, aber dann auch gleich in anderen Regionen der Welt angemeldet werden: „Wir schielen auf größere Stückzahlen. Weltweit gibt es 450-550 Millionen Diabetiker, die Hälfte davon kann sich so ein Gerät vielleicht sogar leisten. Das ist einfach ein Riesenkrankenbestand.“

Das Messgerät von Diamontech soll voraussichtlich 99 Euro monatlich kosten. Diabetikerin Antonia findet den Preis akzeptabel, da er dem der schon verfügbaren Messmethoden entspräche. „Ich würde es mir zurzeit vielleicht nicht anschaffen für hundert Euro, aber gerade für Kinder oder ältere Leute könnte so ein Gerät wirklich gut sein.“

Lutz Heinemann von der Deutschen Diabetes Gesellschaft ist dennoch skeptisch. Nur weil ein Produkt lizenziert wird, heißt das noch nicht, dass es besser als bereits existierende invasive oder minimal-invasive Produkte ist und sich dann entsprechend am Markt halten wird. Allerdings komme Mäntele als Physiker aus einer ganz anderen Welt. Diese Perspektive sei vielleicht gar nicht schlecht. Der Diabetes-Experte Heinemann würde Diamontech auf jeden Fall empfehlen, das Gerät zusätzlich bei unabhängigen Instituten wie dem Institut für Diabetestechnologie in Ulm testen zu lassen.

Genau das plant Diamontech auch. Sobald das Messgerät mit dem CE-Zeichen als Medizinprodukt lizenziert ist, soll es zusätzlich von Diabetologen und anderen Prüfzentren getestet werden. Ihre eigene Studie mit insgesamt hundert Probanden in Frankfurt laufe derweil sehr gut und werde in Kürze abgeschlossen, berichtet Mäntele. Vielleicht revolutioniert Diamontech den Markt dann ja tatsächlich.

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