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„Bevor das Vereinsleben in Bayern nicht ausstirbt, stirbt auch kein Säckler aus“

27. März 2019 Julia Karpinski Keine Kommentare

Gerber, Küfer, Schuhmacher: Traditionsreiche Berufe, die vom Aussterben bedroht sind. Genau aus diesem Grund hat sich Daniel Lochbihler für eine Ausbildung zum Säckler entschieden. Er ist damit deutschlandweit der Einzige, der im letzten Jahr eine Lehre in diesem Handwerk begonnen hat. 

Von Julia Karpinski

Ausbildungsleiter Hans Stöger schaut seinem Azubi Daniel Lochbihler beim Nähen eines Lederstücks über die Schulter (Foto: Johannes Schelle)

Lieber Daniel, du befindest dich im ersten Lehrjahr zum Säckler. Eine ziemlich ungewöhnliche Berufswahl!

Das stimmt! Im ersten Moment fragen alle ungläubig: „Was lernst du?!“. Den Begriff Säckler kennt einfach keiner mehr. Ich sage deshalb meistens einfach Lederhosenmacher. Damit können alle etwas anfangen. Das finden dann nicht nur die Jüngeren cool, sondern gerade auch die Älteren, weil es einfach ein Handwerk ist, das bei uns im Allgäu so nicht mehr praktiziert wird. Ganz deutschlandweit gibt es, soweit ich weiß, noch rund zwanzig Betriebe, die das Säcklerhandwerk betreiben.

Wie bist du zu dieser Ausbildung gekommen?

Ich habe 2016 zunächst meine Lehre zum Industriemechaniker abgeschlossen und dann zwei Jahre als Werkzeugmechaniker gearbeitet. Nach der Lehre habe ich mir in Immenstadt eine Lederhose machen lassen. Ich bin dort mit dem Verkäufer ins Gespräch gekommen und er meinte zu mir, dass es im Allgäu keinen einzigen gelernten Säckler mehr gibt. Dieses Gespräch ist mir seitdem immer im Hinterkopf geblieben. Weil ich schon immer etwas Außergewöhnliches machen wollte, habe ich mich dann zunächst nach einem Praktikum bei einem Säckler umgeschaut. Über fünf verschiedene Ecken und nach einem Dreivierteljahr Suche habe ich dann endlich einen Praktikumsplatz im Trachtenhaus in Peiting bekommen. Die Arbeit dort hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Leider war die einzige Lehrstelle dort besetzt, weshalb der Besitzer des Trachtenhauses mich an verschiedene Adressen weitergeleitet hat. Ich bekam nur Absagen und blieb dadurch immer in Kontakt mit dem Säckler aus Peiting, bis sein Lehrling ein weiteres Dreivierteljahr später fertig war und er mir dann eine Ausbildung für September 2018 angeboten hat.

Deinen sicheren Job als Werkzeugmechaniker hast du dafür dann aufgegeben?

Genau. Es war Wahnsinn, wie sich meine Entscheidung verbreitet hat. Zum Beispiel hat mir meine Mutter neulich erzählt, dass die Tochter einer ihrer Arbeitskolleginnen, die in demselben Betrieb gearbeitet hat wie ich, eines Tages aufgeregt nach Hause kam und ihr erzählt hat, dass es da jemanden gibt, der gekündigt hat und jetzt was total Verrücktes lernt (lacht). Sowohl mein damaliger Chef als auch meine Eltern haben mich aber von Anfang an bei meiner Entscheidung unterstützt.

Sind Säckler heutzutage denn überhaupt noch gefragt?

Ich denke schon, dass der Kunde in der heutigen Zeit wieder mehr Wert auf ein handwerklich hochwertiges Einzelstück legt. In unserer Werkstatt liegt die Wartezeit auf eine Lederhose aktuell bei etwa eineinhalb Jahren. Es ist also immer sehr viel zu tun. Wenn sich ein Kunde bei uns meldet, vereinbart der Chef einen Termin für in einem Jahr. Der Kunde sucht sich alles aus, wie er seine Lederhose gerne hätte, und kommt dann erst drei bis vier Monate vor Lieferzeitpunkt zum Anmessen zu uns. Schließlich verändern sich Menschen, ob in die Länge oder in die Breite. Damit es da zu keinen Missverständnissen kommt (lacht).

Und wen zählt ihr so zu eurem Kundenkreis?

Das ist komplett bunt gemischt. Letztens war einer aus Schweden da, und auch aus Amerika kamen schon Bestellungen. Ansonsten natürlich viel aus der Umgebung. Viele Trachtenvereine, Musikkapellen und auch Privatleute. Mein Chef hat letztens zum Beispiel die Hochzeits-Lederhosen für ein männliches Pärchen gemacht, bei denen zwei Schnurrbärte eingestickt waren, die in der Mitte zusammen ein Herz ergeben haben. Das gefällt mir eben so gut an dem Beruf, weil man nicht stur nach Plan arbeitet, sondern man die Hose gemeinsam mit dem Kunden entwirft. Außerdem mag ich das konzentrierte und genaue Arbeiten. Jeder Stich muss sitzen.

Also ist der Beruf längst nicht für jeden geeignet?

Nein, ich glaube nicht. Man braucht handwerkliches Geschick, sehr viel Geduld und ein gewisses Vorstellungsvermögen. Wir sind meistens in der Werkstatt und sitzen sehr viel. Gerade an der Nähmaschine, mit der man sehr gut umgehen können sollte.

Denkst du, dass diese Anforderungen ein mögliches Hemmnis sind, warum es kaum noch Säckler-Lehrlinge gibt?

Die schwere Arbeit schreckt vielleicht schon viele ab. Aber auch die Tatsache, dass es den Säckler so als klassischen Ausbildungsberuf bei uns einfach nicht mehr gibt. Ich habe ja auch schon sehr lange suchen müssen, obwohl ich wusste, dass er eigentlich noch existiert. Das ist irgendwie untergegangen. Bei uns gab es immer zwei bis drei Geschäfte, die selbstgemachte Lederhosen verkauft haben, die haben aber nie für das Handwerk an sich geworben. Ich denke, wenn dieses Traditionshandwerk ein bisschen publiker wäre, dann würden sich vielleicht auch mehr Jüngere dafür interessieren.

Ein Handwerk mit Seltenheitscharakter

Woher die Berufsbezeichnung des Säcklers kommt, ist nicht genau bekannt. Als Ableitung vom Wort Sack wird vermutet, dass Säckler im Mittelalter zunächst lederne Säcke angefertigt haben. Derzeit gibt es deutschlandweit noch etwa zwanzig Betriebe, die das Säcklerhandwerk ausüben. Weil der Beruf so selten ist, sind die Säckler-Lehrlinge in der Berufsschule im niederbayerischen Mainburg den Sattlern zugeordnet. In den letzten fünf Jahren haben dort gerade einmal sieben Säckler die Berufsschule abgeschlossen.

Auch sonst entscheiden sich mittlerweile ja nur noch wenige für einen handwerklichen Ausbildungsberuf.

Ich denke, im Handwerk sind es einfach die Arbeitszeiten und der Verdienst, der  nicht so rosig ist. Wenn ich nicht bereits zwei Jahre gearbeitet hätte, könnte ich mir diese Ausbildung vielleicht gar nicht leisten. Mein alter Arbeitgeber war als Mitglied einer Innung tariflich gebunden und musste deshalb mehr zahlen. Ich denke, wenn sich die Handwerksbetriebe, wie zum Beispiel alle Säckler oder alle Schreiner, zusammenschließen und sich für ein einheitliches, höheres Entgelt stark machen würden, würde das vielleicht auch mehr junge Leute ansprechen. Bei einem besseren Lohn würden sich dadurch möglicherweise mehr für eine Lehre entscheiden, auch wenn es eine körperlich anstrengende Arbeit ist.

Ein Mindestlohn für Azubis ist derzeit ja ein viel diskutiertes Thema in der Politik. Er soll 2020 eingeführt werden, um Ausbildungsberufe attraktiver zu machen. Denkst du, das ist ein Schritt in die richtige Richtung?

Jein. Für größere Betriebe ist das finanziell sicherlich stemmbarer als für kleine Familienbetriebe wie meinen Ausbildungsbetrieb. Da gibt es nur meinen Chef, eine Halbtagskraft und mich als Azubi. Für die wird das dann schon schwierig. Grundsätzlich bin ich schon dafür, dass Azubis mehr verdienen und besser davon leben können, allerdings muss man das Ganze auch von Arbeitgeberseite betrachten, der es damit wahrscheinlich nicht allzu leicht haben wird. Ein kleiner Betrieb wie meiner wird sich dann vielleicht zweimal überlegen, ob er einen Lehrling ausbildet oder nicht. Eine schwierige Sache.

Heißt also, dass die finanzielle Belastung durch einen Azubi-Mindestlohn für die meisten Säcklerbetriebe zu groß würde, um weiterhin Lehrlinge auszubilden. Glaubst du denn, dass der Beruf ein Verfallsdatum hat, dadurch, dass es jetzt kaum noch Azubis gibt?

Es gibt nur so wenige Lehrlinge, weil es auch nicht viele Ausbildungsbetriebe gibt. Aber die Nachfrage gibt es, denke ich, grundsätzlich schon. Aussterben wird das Handwerk meiner Meinung nach nie. Es gibt immer Leute, die Wert darauf legen, etwas Handgemachtes zu tragen oder sich einfach der Tradition verbunden fühlen. Gerade in den ganzen Trachtenvereinen und den Musikkapellen. Bevor also das Vereinsleben in Bayern nicht ausstirbt, stirbt auch kein Säckler aus. Eine Lederhose gehört einfach zu Bayern dazu. Ich möchte nach meiner Lehre auf jeden Fall wieder zurück in meine Heimat Engelbolz, ein 50-Seelen-Dorf im Oberallgäu, und würde dann mal schauen, ob ich mir vielleicht irgendwann selbst was aufbauen kann. Möglicherweise noch einen Meister machen und dann aber ein eigenes Trachtengeschäft oder zumindest eine eigene Werkstatt aufmachen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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