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Betreuer ist nicht gleich Betreuer

15. April 2019 vanessa.clobes Keine Kommentare

Keine festgeschriebene Qualifikation, trotz hoher Verantwortung. Warum der Berufsstand des Betreuers immer wichtiger wird und eine Reform benötigt. 

Wenn man zum ersten Mal von Berufsbetreuern hört, weiß eigentlich kaum jemand, was damit so richtig gemeint ist. Viele denken an Pflege und an eine begleitende Art von Betreuung. Gemeint ist aber etwas anderes. 1992 wurde das Vormundschaftsrecht abgeschafft und das Betreuungsrecht trat in Kraft. Seitdem gibt es keine Entmündigungen mehr, die betroffenen Menschen sind weiterhin geschäftsfähig. Die Betreuer helfen ihren Klienten bei Behördengängen, der Regelung von Finanzen und dabei, geeignete Pflege- oder Heimeinrichtungen zu suchen. Sie willigen in ärztliche Behandlungen ein, wenn die zu Betreuenden dazu nicht in der Lage sind. 

Die Gesetzesänderung sah außerdem vor, dass der Großteil der Betreuungen von ehrenamtlichen Betreuern gestemmt werden sollte, erinnert sich Holger Kersten. Er ist Leiter des Fachamts für Hilfen nach dem Betreuungsgesetz für das Bezirksamt Altona. Dieses Amt – es wird auch kurz als Betreuungsbehörde bezeichnet – versucht daher zunächst, Angehörige der Betroffenen zu finden, die diese Aufgabe übernehmen könnten. Momentan werden in Deutschland 55 Prozent der Betroffenen von Ehrenamtlichen und 45 Prozent von Berufsbetreuern betreut. Er beobachtet in einer Großstadt wie Hamburg, dass die Überlegung der direkten ehrenamtlichen Betreuung oft nicht funktioniert. Hier werden gerade einmal 23 Prozent der Betreuungen von Ehrenamtlichen übernommen. „Es gibt immer mehr Menschen, die älter werden oder Hilfe brauchen und keine Kinder haben.“ In solchen Fällen müssten dann immer Berufsbetreuer eingesetzt werden. Kersten rechnet damit, dass sich dieser Trend fortsetzt, da immer mehr Menschen in der Stadt alleine leben. 1995 wurden deutschlandweit 625.000 Menschen betreut. Heute sind es 1,3 Millionen.

Zu wenig Ehrenamtliche übernehmen Betreuungen 

Damit trotzdem genügend Ehrenamtliche eine Betreuung übernehmen, gibt es Betreuungsvereine. Diese übernehmen selbst Betreuungen, sollen Ehrenamtliche rekrutieren und diese unterstützen und fortbilden. Tatsächlich werden aber deutschlandweit nur fünf Prozent der ehrenamtlichen Betreuungen von Fremdpersonen übernommen. In den meisten Fällen kümmern sich die Angehörigen um diese Aufgabe. Vielen Ehrenamtlichen fehlt allerdings die passende Qualifikation, was sie verunsichert, meint Richter Ulrich Engelfried. Er ist seit 1992 als Richter tätig. Zunächst am Familiengericht, später auch in Betreuungssachen, die ihm bis heute am Herzen liegen. Eine Lösung aus seiner Sicht, mehr Menschen dazu zu motivieren, selbst jemanden zu betreuen, ist das Tandem-Modell bei dem Ehrenamtliche mit einem Berufsbetreuer zusammenarbeiten. Richter Ulrich Engelfried vom Amtsgericht Hamburg-Barmbek befürwortet diesen Vorschlag genau wie die Betreuungsbehörde und der Bundesverband der Berufsbetreuer. Seiner Erfahrung nach fragen sogar viele Angehörige selbst nach einer Lösung, in der sie zusammen mit einem Berufsbetreuer eingebunden werden können. „Die Berufsbetreuer können dann zum Beispiel die Dinge erledigen, die mehr Erfahrung erfordern, wie Behördenangelegenheiten oder die Suche nach passenden Einrichtungen.“

Mit dem Tandem-Modell könnten mehr Ehrenamtliche eingebunden werden. Trotzdem wird der Bedarf an Berufsbetreuern weiter zunehmen, meint der Fachamtsleiter Holger Kersten. Der Weg dahin geht über die Selbstständigkeit. Zunächst überprüft die Betreuungsbehörde die Eignung der Interessenten. Kersten legt Wert darauf, dass mehrere Gespräche geführt werden und über die Vorstellungen gesprochen wird. Die Kriterien der Bewerber kann jede Betreuungsbehörde selbst festlegen. Ab der zehnten Betreuung spricht man vom Berufsbetreuer. Die Behörde kann aber auch von Anfang an anstreben, einen neuen Betreuer einzusetzen und ihn schon mit weniger Klienten zum Berufsbetreuer ernennen.

Da die Gesetzesänderung 27 Jahre her ist und sich die neue Aufgabe des Berufsbetreuers erst einmal etablieren musste, sind so gut wie alle Quereinsteiger in der Branche. Viele haben einen sozialpädagogischen Hintergrund, waren Betriebswirte oder arbeiten noch nebenbei als Rechtsanwalt. Es gibt aber auch komplette Quereinsteiger, die zufällig mit Thema in Berührung kamen, wie die Hamburger Berufsbetreuerin Birgit Weiglein. Nach ihrem Studium in Betriebswirtschaftslehre hat die Hamburgerin in einer Werbeagentur gearbeitet: „Ich habe dann gemerkt, dass mir ein wenig der Sinn fehlt bei dem, was ich tue.“ Durch einen Besuch in einem Heim für Demenzkranke hat sie dann zufällig die Arbeit in einem größeren Betreuungsbüro kennengelernt und hat dort zunächst als Sachbearbeiterin gearbeitet. Dann hat sie sich bei der Betreuungsbehörde beworben, um selbst Berufsbetreuerin zu werden. Momentan hat sie 37 Klienten und fühlt sich damit gut ausgelastet. Gesetzlich gibt es keine festgeschriebene Grenze, wie viele Klienten ein Betreuer haben darf. Harald Freter, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Berufsbetreuer, ist wichtig, dass es keine Obergrenze gibt, da die Betreuer sehr unterschiedlich arbeiten und je nach Grad der eigenen Organisation mehr oder weniger Klienten übernehmen können. 

Eine einheitliche Qualifikation fehlt bis heute 

Über ein Problem sind sich die Gerichte, Behörden und der Berufsverband der Berufsbetreuer einig: Es muss unbedingt eine einheitliche Mindestqualifikation für alle Berufsbetreuer festgelegt werden. Das würde mehr Vertrauen schaffen und sicherstellen, dass alle Betreuer gleich gut qualifiziert sind. Bisher können die Amtsgerichte eigene Kriterien festlegen. Das macht den Berufsstand insgesamt angreifbar, weil die Entscheidung, wer Betreuer werden kann und wer nicht, nicht eindeutig von außen zu erkennen ist.

Die Politik ist an dieser Stelle gefragt. Im aktuellen Koalitionsvertrag wurde festgelegt, dass die Vergütung der Betreuer angehoben und eine Regelung zur Qualifikation gefunden werden soll. Bisher gibt es einen Gesetzesentwurf vom Bundesjustizministerium, der vorsieht die Vergütung zu erhöhen. Der Entwurf geht nun ins parlamentarische Verfahren und soll noch bis zur Sommerpause 2019 verabschiedet werden. Bisher heißt es, dass die Vergütung durchschnittlich um 17 Prozent angehoben werden soll. Außerdem soll nun berücksichtigt werden, dass, wenn eine Betreuung angenommen wird, der Arbeitsaufwand zunächst höher ist als wenn diese in weiten Teilen geregelt ist. Ob der Entwurf zum Gesetz wird, entscheidet sich in den nächsten Monaten.

Die einheitliche Mindestqualifikation ist aber noch kein Thema des Gesetzesentwurfs. Bis zum Jahresende 2019 soll in den Fachgruppen darüber beraten werden. Harald Freter vom Bundesverband der Berufsbetreuer ist sich noch nicht sicher, ob es dabei zu einer Einigung kommen wird. Freter meint, eine Einigung sei bisher an den Ländern gescheitert, die sich bisher geweigert haben einer einheitlichen Qualifikation zuzustimmen. Würden sie das tun, müssten sie auch allen gleichqualifizierten Betreuern gleich viel Geld zahlen. Bisher liegen die Stundensätze je nach Einstufung der Qualifikation durch das Gericht bei 44, 37 oder 27,5 Euro je Stunde. Es würden also erheblich höhere Kosten auf die Bundesländer zukommen.

Wie kommt es überhaupt zu einer Betreuung?

Beim Gericht kann jeder eine Betreuung anregen. Häufig machen das Krankenhäuser, andere Behörden, Angehörige oder Bekannte und in einzelnen Fällen auch die Betroffenen selbst. Fachamtsleiter Holger Kersten erklärt, dass das aber die Ausnahme sei, vielleicht zehn Prozent werden selbst angeregt. Gesetzlich ist außerdem festgelegt, dass es einen medizinischen Grund für die Betreuung geben muss. Das kann bedeuten, dass jemand psychisch krank, körperlich oder geistig behindert oder in der Entscheidungs- oder Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist. Um das zu überprüfen, wird eine Anhörung vor Gericht abgehalten. Dort werden ein Sozialbericht und ein medizinisches Gutachten vorgetragen. Anhand dessen entscheidet dann ein Richter, ob eine Betreuung notwendig ist und für wie lange und mit welchen Aufgaben sie erteilt wird. Harald Freter vom Bundesverband der Berufsbetreuer würde sich für die Zukunft wünschen, dass kein medizinischer Grund für eine Betreuung nötig ist. So würde die Hürde herabgesetzt. Richter Engelfried und auch Fachamtsleiter Kersten halten aber genau das für einen Fehler. Denn wer erst einmal einen Betreuer bekommen hat, hat es schwer wieder selbstständig zu werden und wieder auf einen Betreuer zu verzichten. Außerdem gebe es auch andere Hilfsangebote, die stattdessen genutzt werden könnten. 

Wenn eine Betreuung angeordnet wurde, geht die Aufgabe vom Gericht weiter an die Betreuungsbehörde, die nun einen passenden Betreuer finden muss. Im Idealfall sollte das ein ehrenamtlicher Betreuer sein, also zum Beispiel Angehörige oder Bekannte des Betroffenen. Wenn das nicht möglich ist, wird nach einem passenden Berufsbetreuer gesucht. Da die Behörde eng mit diesen zusammenarbeitet, kann sie gut abschätzen, wer am besten für welchen Klienten geeignet ist. Fachamtsleiter Kersten weiß auch, dass die Betreuer bestimmte Präferenzen haben, wenn sie beispielsweise auf einem Gebiet viel Erfahrung haben. Andere haben auch Ausschlusskriterien. Birgit Weiglein möchte zum Beispiel keine gewalttätigen Menschen betreuen: „Das macht mir Angst und so möchte ich nicht arbeiten.“

Die Angst vorm Ausgeliefertsein 

Generell erhält Birgit Weiglein sehr positives Feedback zu ihrer Arbeit. Oft bedanken sich Klienten oder Angehörige bei ihr, „obwohl das ja einfach mein Job ist“, meint sie. In der Gesellschaft scheint das Bild von Berufsbetreuern oft negativ auszufallen, meint Richter Engelfried. Die Begriffe „Entmündigung“ und „Bevormundung“ werden schnell damit verbunden, wenn man noch keine persönlichen Erfahrungen mit Berufsbetreuern hatte. Betreuer, die sich finanziell bereichert haben oder schlecht gearbeitet haben sind jedoch Einzelfälle. „Aber genau die werden dann in den Medien rauf und runter gespielt und verzerren das Bild“, findet Geschäftsführer des Bundesverbandes der Berufsbetreuer Freter. Der Berufsstand hat in Deutschland nicht das Ansehen, wie das von Ärzten oder Rechtsanwälten. Obwohl auch hier jede Menge Verantwortung in fremde Hände übergeben wird. 

„Es schwingt immer ein wenig Angst vor Bevormundung und Unmündigkeit mit, obwohl genau das mit der Gesetzesänderung 1992 verändert werden sollte“, sagt Engelfried. Der Richter findet, dass man einen Teil der Selbstständigkeit aufgibt. „Aber die Betroffenen müssen einer Betreuung nicht zustimmen. In den meisten Fällen ist ihnen aber klar, dass genau das die Hilfe ist, die sie brauchen.“ Betroffene, die trotzdem keinen Betreuer wollen, können dagegen beim Gericht widersprechen. Auch ein Betreuerwechsel ist möglich, wenn es einfach nicht miteinander funktioniert. Die Betreuungsbehörde versucht dann einen Ersatz zu finden. 

Die Klienten bleiben geschäftsfähig. Es sei denn sie wünschen sich die Geldeinteilung durch den Betreuer, wenn sie beispielsweise Schulden haben. Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass Betreuer über die ärztliche Behandlung bestimmen könnten. Wenn ein Klient seinen Willen äußern kann, kann er auch einem Behandlungsplan zustimmen. 

Um das Vertrauen in den Beruf zu stärken, überlegen Gerichte und Ämter zudem ein Vier-Augen-Prinzip bei der Prüfung des Jahresberichts einzuführen. Diesen müssen den Betreuer einmal im Jahr anfertigen und ihre Arbeit damit dokumentieren. Wenn sie auch für die Vermögensregelung zuständig sind, fertigen sie eine Rechnungslegung an. Diese Dokumentation wird dann von den Rechtspflegern überprüft. Ein Vier-Augen-Prinzip, also eine zweite Meinung würde noch mehr Transparenz herstellen.

Seit der Gesetzesänderung 1992 gab es keine Anpassungen mehr. Birgit Weiglein meint, dass sie sich bei ihrer Arbeit oft wie eine Feuerwehr fühlt, die man holt, wenn es brennt. Wenn es einem ihrer Klienten schlecht geht, dann müsse sie alles stehen und liegen lassen und sich um den Notfall kümmern. Das ist aber in der Vergütung so nicht eingeplant. Es gibt keine Flexibilität und zusätzliche Sachbearbeiter zur Unterstützung in den Büros der Berufsbetreuer sind eher selten. Birgit Weiglein leistet sich eine Bürohilfe mit fünf Stunden pro Woche, die ihr kleine Aufgaben abnimmt. Das muss sie als Selbstständige von ihrer Vergütung abziehen. Für die Zukunft wünscht sich die Berufsbetreuerin deshalb mehr Flexibilität oder eine bessere Finanzierung um sich mehr Unterstützung im Büro leisten zu können.

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