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Aktienspekulation durch Schwarmintelligenz

27. März 2019 Sebastian von Hacht Keine Kommentare

Beim Social Trading schließen sich Börseninteressierte im Netz zusammen und beraten sich gegenseitig zu Aktienanlagen. Vermeintliche Experten versprechen schnelle Erfolge. Die Beratungsbranche sieht den Trend kritisch.

Von Sebastian von Hacht

Aktienberatung in sozialen Netzwerken: Social Trading. Foto: Mohamed Hassan/Pixabay

„Ich habe mich damals für die Börse interessiert, aber fundiertes Hintergrundwissen hatte ich gar nicht“, sagt Marcus Wenczel. Der Österreicher hat 2012 einen Trend mitbegründet, der mittlerweile unter dem Begriff Social Trading bekannt ist: Menschen schließen sich in sozialen Netzwerken und auf speziellen Plattformen zusammen und beraten sich gegenseitig zu Finanzanlagen. „Ich war damals auf Facebook auf der Suche nach Aktientipps. Bei den Ergebnissen kam nur eine einzige Gruppe aus dem Finanzbereich. Da habe ich spontan selbst eine gegründet“, sagt Wenczel über die Anfänge. Mittlerweile haben sich seiner Gruppe „Aktientipp“ mehr als 12.000 Menschen angeschlossen.

Die Investition in Aktien: Ein Thema, das spätestens seit der Aussage von CDU-Politiker Friedrich Merz, es gebe zu wenige Aktionäre in Deutschland und Aktien sollten verstärkt als Altersvorsorge dienen, wieder präsenter ist. Obwohl die Investition in Aktien für den größten Teil der Bevölkerung wohl keine ernsthafte Alternative zur Rente ist, so sind Aktienbesitzer in Deutschland keine Randerscheinung: Rund zehn Millionen Bürger (15,7 Prozent der Bevölkerung) besaßen im Jahr 2017 laut einer Studie des Deutschen Aktieninstituts Aktien oder Aktienfonds, also rund jeder sechste Bundesbürger. Damit gab es 2017 wieder ähnlich viele Anleger wie vor der Finanzkrise. Der Anstieg von 2016 zu 2017 ist zudem deutlich – im Jahresvergleich kamen fast 1,1 Millionen Menschen hinzu. Das entspricht einer Steigerung von 12,1 Prozent. Aktien sind also durchaus ein Thema in Deutschland. Mittlerweile ist der Handel mit Wertpapieren auch vollständig im Internet angekommen. Waren früher Finanzexperten von Banken und Beraterfirmen die einzige Informationsquelle, haben interessierte Anleger heute die Möglichkeit zum Social Trading.

„Bis dahin nur eine Finanzgruppe auf Facebook“

 „Der Erfahrungsaustausch zwischen Neulingen und Profis funktioniert bei uns sehr gut“, findet Marcus Wenczel, wenn er über die Entwicklung seiner Gruppe spricht. Der 48-Jährige, der in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Wien lebt, war bis 2009 als Business Development Manager tätig. Seitdem ist er aufgrund einer Berufsunfähigkeit in Frühpension und hat sich nun der Börse verschrieben. „Ich komme aus der sozialen Ecke und mir war es ein Anliegen, dass mit der Gruppe Leuten geholfen wird, Geld an der Börse zu verdienen“, sagt Wenczel, der auch SPÖ-Funktionär ist, über seine Intention. Mittlerweile gibt es neben der Originalgruppe mehrere Gruppen, die zum Projekt Aktientipp gehören. So gibt es verschiedene Angebote, zum Beispiel für Profis oder Neulinge, je nach Informationsbedarf. Derzeit wachse Aktientipp laut Wenczel um etwa 100 Mitglieder pro Woche, die Tendenz sei steigend.

Aktien als Grundlage des Austauschs

Für den Österreicher Wenczel liegen die Vorteile einer solchen Gruppe auf der Hand. Der Erfahrungsaustausch und der soziale Kontakt zwischen Menschen, die sich entspannt über das Thema Börse und Märkte informieren möchten, seien hier ohne äußere Einflüsse möglich. „Bei uns gibt es täglich Markt- und Unternehmensanalysen und Nachrichten zu einzelnen Aktien“, erläutert Wenczel das Angebot. Die Interaktion zwischen den Mitgliedern beginne immer damit, dass eine Aktie von einem Mitglied vorgestellt wird. Danach erfolge unter dem Beitrag eine Diskussion mit unterschiedlichen Kommentaren für oder gegen die Aktie. „Zu jedem Posting gibt es positive und negative Resonanz“, beschreibt Wenczel. Man müsse sich das Gesamtbild anschauen.

Die stetig steigenden Mitgliederzahlen zeigen, dass Wenczel mit der Gruppe einen Nerv getroffen hat. Doch der Erfolg baute sich erst langsam auf. „Zu Beginn habe ich fast ein Jahr allein gepostet“, beschreibt der Österreicher die Anfänge. Erst als die Marke von eintausend Mitgliedern erreicht war, sei die Interaktion so richtig angelaufen. Mittlerweile werde so viel gepostet, dass Wenczel die Beiträge durch Administratoren freischalten lässt. „Wir filtern, was für unsere Gruppe passt und was nicht.“ Dass eine solche Gruppe nicht immer zu einem großen Erfolg im Aktiengeschäft führt, weiß Wenczel nach fast sieben Jahren: „Es gibt sehr viele, die neu an der Börse sind und denken, man werde schnell reich damit. Bitcoins und Co. werden sehr gerne von jungen und unerfahrenen Investoren gekauft. Viele beherzigen leider unsere gutgemeinten Ratschläge nicht, investieren zu früh in das falsche Unternehmen und erleiden dadurch Verluste.“ Auch die Stopp-Loss-Order, bei der Anleger eine Aktie bei einem bestimmten Wert automatisch verkaufen, sei in den Diskussionen immer wieder eine strittige Frage. Gleichzeitig erweise sich die Weisheit der Vielen im Einzelfall als Erfolgsformel. „Sehr viele beachten die Mainstream-Meinung der Gruppe und haben großen Erfolg mit ihren Investments“, sagt Wenczel.

Die Weisheit der Vielen

Einer, der es Marcus Wenczel gleichgetan hat, ist Rainer Strobel. Er hat mit „Blue-Chip-Aktien“ eine Facebook-Gruppe gegründet, die sich auf Informationen über Unternehmen konzentriert, die einen besonders hohen Wert haben. „Ich wurde viermal aus einer anderen Gruppe rausgeschmissen und wieder hinzugefügt, das hat mich dazu bewegt, eine eigene Gruppe zu gründen“, beschreibt der 56-Jährige seinen Start in die Welt des Social Tradings. Er ist, anders als Wenczel, bereits seit 1991 in der Aktienbranche aktiv. Der Baden-Württemberger glaubt fest an die Macht der Gemeinschaft und an das Wissen, was aus ihr entstehen kann. Davon, dass seine Gruppe auf Facebook ein Erfolg werden könnte, war er allerdings nicht von Anfang an überzeugt: „Ich dachte ursprünglich an vielleicht 400 Mitglieder. Dass es so viele werden würden, überrascht mich selbst“, sagt Strobel. Aktuell sind es rund 6.700. Grundlage der Blue-Chip-Gruppe sei die Charttechnik, also der Versuch, aufgrund der Kurshistorie die weitere Kursentwicklung vorherzusagen. „Ich hoffe, dass jeder sein Depot durch unsere Tipps im Plus halten kann“, so Strobels Ziel.

Keine vollwertige Beratung

Während sich die Schwarmintelligenz also für einige auszuzahlen scheint, setzen andere hingegen auf die Expertise des Einzelnen. Finanzberater sind das klassische Gegenstück zu den neuen Informationsmöglichkeiten der sozialen Netzwerke. „Social Trading ist bei Weitem keine vollwertige Finanzberatung“, findet der Leiter des Vermögensmanagements bei der MLP-Finanzberatung, Jakob Trefz. Dabei seien grundlegende Aspekte wie eine umfassende Analyse der Finanzsituation des Anlegers, seine Risikomentalität, seine Ziele und Wünsche nicht beinhaltet. Hinzu komme, dass eine fundierte Auswahl von Einzelaktien in der Regel weder Verbraucher selbst noch semi-professionelle Trader leisten könnten, „die vielleicht nur mit ihren kurzfristigen Erfolgen beeindrucken wollen“, so Trefz.

Gründe für den Trend des Social Trading sieht Trefz in den anhaltenden Niedrigzinsen. In diesen Zeiten würden Anleger nach Alternativen zu klassischen Geldanlagen suchen. Social Trading suggeriere eine einfache Teilhabe am Kapitalmarkt, indem jeder von den erfolgreichen Strategien anderer Anleger profitieren könne. Seiner Meinung nach sei das aber zu kurz gedacht: „Aufgrund variierender Ziele und Risikomentalitäten gibt es kein universelles Anlagekonzept, das zu jedem passt“, erklärt der Finanzexperte. Negative Auswirkungen für Beratungsfirmen aufgrund der Zunahme von Social Trading sieht Trefz indes nicht. Bei komplexeren Themen, wozu er auch eine langfristige Geldanlage zählt, suche die große Mehrheit der Verbraucher auch weiterhin eine persönliche Beratung. Wichtig sei, dass diese mit einem einfachen und transparenten Vergütungsansatz einhergehe.

Professionelles Know-How unerlässlich“

Eine ähnliche Haltung hat auch die Deutsche Vermögensberatung AG (DVAG). Eine Beratung nur zu Einzelanlagen sei nicht zielführend, sagt Sprecherin Lorena Steigertahl. „Prinzipiell ist es natürlich gut, dass Menschen auch eigenes Wissen über Finanzthemen aufbauen möchten. Ein Austausch über soziale Plattformen kann jedoch das vertrauensvolle Gespräch zwischen Kunde und Vermögensberater nicht ersetzen“, glaubt Steigertahl. Gerade bei der heutigen Komplexität der Produkte und Märkte sei professionelles Know-how unerlässlich.

Dass sich Menschen vermehrt über Geldanlagen unterhalten, sieht auch der stellvertretende Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts, Franz-Josef Leven, als positiven Aspekt des Social Trading. Dies passiere generell viel zu wenig. „Wenn die sozialen Medien dabei helfen, dass die Deutschen in Gelddingen offener und interessierter werden, dann ist das zu begrüßen“, findet Leven. Die sozialen Medien würden das persönliche Gespräch mit Finanzberatern ergänzen. Die Diskussionen und der Austausch in den Gruppen seien in diesem Sinne die Verlagerung des Gedankens der Investmentclubs ins Internet. Die Anonymität mache es aber schwer, Ratschläge einzuordnen und eröffne Raum für Manipulationen. Man sollte im Zweifel zusätzlich einen professionellen Anlageberater zu Rate ziehen, betont Leven. Vorsicht sei vor allem dann angebracht, wenn jemand garantiert hohe Renditen verspricht. Hier sollte man einen großen Bogen machen und stattdessen sein Geld bei der Anlage über verschiedene Aktien unterschiedlicher Branchen streuen und mit einem langen Zeithorizont planen.

Aktientipp-Gründer Marcus Wenczel hat von seiner eigenen Gruppe und den Mitgliedern mittlerweile viel gelernt. Heute verwaltet er als Hedgefondsmanager auf der Social-Trading-Plattform wikifolio einige Finanzprodukte. In das Erfolgreichste sind seinen Angaben zufolge derzeit rund 50.000 Euro investiert.  Ohne die Gruppe wäre er jetzt nicht da, wo er ist, resümiert Wenczel. Nun hat er sich neue Ziele gesetzt: Er möchte in diesem Jahr die Börsenhändler-Prüfung machen. „Wenn es funktioniert, dann werde ich in ein paar Jahren hauptberuflich Trader, also Aktienhändler, sein.“

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